Bollwerk Anita

Eine Frau geht ihren Weg

Bollwerk Anita

# 218 | 07.11.2016 | JEM

Ein Hommage an die unfreundliche Bedienung. In bunt.

Ich weiß nicht viel von Anita. Außer, dass sie jahrelang die Kantine eines Kunden schmiss.
Ein Mittelständler; die Kantine eher eine Art „AOK-Futter-Warmhaltestation“ mit Coolwhite-Röhren unter der Decke und einem zu laut brummenden Kühlschrank.
 
Anita war vielleicht knapp 60, stämmig und schmierte mit ihren Pranken morgens auch Brötchen für die Belegschaft: Pappige Semmeln mit billigster Auflage. Lieblos belegt. Keine Gurkenscheibe, dafür mehr Butter als nötig.
Vor allem verkaufte sie diesen Fraß nicht, sondern teilte zu, wie in der DDR, Gott hab sie selig: „Der Näääächste!“ lautet ihr Schlachtruf an alle Kantinenbürger, die morgens ab Punkt 8.00h vor der fettigen Durchreiche in einer Schlange standen.
 
Und dann durfte, nein musste man wählen („ich hab´ nicht ewig Zeit!“) zwischen Käse, Mortadella und Saftschinken. Alles mit viel Haß zubereitet.
„Eins sechzig! ---- N´Zehner? Wie soll ich den denn kleinkriegen? Bin doch keine Wechselstube!“.
Ihre schüttere, blassgelbe Dauerwelle wipperte dann über das erboste Gesicht, während sie in der abgegriffenen Geldkassette nach Münzen kramte.
 
Anita entspannte sich nie - außer heimlich (Rauchverbot im ganzen Gebäude) an einer Marlboro Light am gekippten Fenster, wenn der Rauch nach draußen zog.
Und dann, wenn man sie in einer freien Minute auf ihre Vergangenheit ansprach. Die lag allerdings schon wirklich lange zurück, genauer: in den 80er Jahren auf der Volkswerft in Stralsund.
 
Da stand die junge Anita an der Drehbank - „gelernte Dreherin! Jahaaaa! Das waren noch Zeiten. Kann sich ja heute keiner mehr vorstellen!“ - stach ab, bohrte, plante und schnitt Gewinde.
Vor meinem inneren Auge natürlich im abgewetzten Blaumann, mit Kopftuch und einer erloschenen Karo im Mundwinkel. Freiheit und Sozialismus: „Nee, also hier im Westen, wissense - ich bin ja nur wegen meinem Mann hier.“.
 
Dass Anita AOK-Kohlrouladen lieblos und roh wie einen volkseigenen Hydraulikzylinder behandelte, verstand ich erst nach dieser Erklärung.
Und damit stieg sie in meinem Ansehen erheblich: Sie war das Bollwerk der gemütlichen DDR im kalten Westen, malochte als Schwert und Schild der Arbeitklasse in der Kantine des Klassenfeinds. Und natürlich hatte sie damit alles Recht der Welt, die Lemuren hinter den SAP-Bildschirmen mit Verachtung und miesem Fraß zu strafen.
 
Leider ist Anita in diesem Unternehmen Geschichte, wie ich kürzlich erfuhr. Sie inszenierte ihren Abgang (oder ihre Heimkehr in die DDR?) filmreif, süffisant und absolut authentisch: Von einer aufgetakelt-arroganten Mitarbeiterin der Chefetage zurechtgewiesen, gab Anita Widerworte.
Vor versammelter Mannschaft, auf einer Betriebsfeier in der Kantine. 50. Juiläum oder so. Wortwechsel. Gespanntes Schweigen aller Gäste. Anita gegen den Vorstandsrochen, nur mit einer Schaumkelle in der Hand. Rhetorisch absolut unterlegen zog sie leider den Kürzeren und musste sich 5 Minuten später die Papiere abholen.
 
Ein Befreiungsschlag? Für Anita bestimmt. Mir fehlt sie - trotz aller Bosheit.
 
Was das mit Autoschrauben zu tun hat? Nicht viel. Musste aber mal gesagt werden in Zeiten glattgebügelter Grinsefressen.
 
Das schöne, nebenstehende Bild von T. Janoschka zeigt das völlig vergessene Reisgericht "Stasi Goreng", in den 60er von vietnamesischen Vertragsarbeitern in die DDR eingeführt.