Elle und Speiche

Räder einspeichen und zentrieren

Elle und Speiche

# 165 | 03.01.2016 | Oliver M.

Einspeichen ist nicht weiter schwer - wenn man Speichenlänge, Nippelform und -anordnung beachtet.

1Speichen-Anordnung

Einspeichen und Zentrieren ist - wenn man ein paar Regeln einhält - eine überraschend einfache Angelegenheit. Gefordert sind Überlegung, Geduld und Ausdauer. An Ausrüstung wird nur wenig benötigt.
 
Bevor man ein Rad auseinanderbaut, müssen die Speichenanordnung sowie die Lage der Nabe zur Felge notiert werden.
Der Versatz der Nabe zur Felge ist wichtig, damit Kettenritzel und -rad nachher wieder fluchten. Viele Vorderräder haben keinen Versatz, d.h. die Trommel sitzt axial genau mittig in der Felge.
 
Trotzdem sollte man vor dem Auseinandernehmen genau messen, selbst wenn man das Rad zu einer Radspannerei gibt.
Egal, wo man den Versatz mißt, Haupsache man fertigt eine Zeichnung an und trägt die Maße ein. Z.B. legt man das Rad mit der Nabe auf eine ebene Fläche und mißt den Abstand der Fläche zum äußeren Felgenrand.

2Ausspeichen / Nippelform

Nun kann man mit dem Ausspeichen beginnen. Es sollten mindestens je eine Speiche der linken und rechten Seite sowie ein Nippel als Muster aufbewahrt werden.
Auch die Felge sollte wegen der Bohrungen, die sog. Punzungen, aufgehoben werden. Der Winkel, in dem die Löcher gebohrt sind, richtet sich nach dem Durchmesser der Nabe.
 
Die Bremstrommel sollte ebenfalls, sofern sie Bestandteil der Nabe ist, geprüft werden. Evtl. muß sie ausgedreht werden. Wenn dies aber nicht mehr möglich ist, so kann man sich das Einspeichen gleich sparen. Ausdrehen sollte man die Bremstrommel allerdings erst, wenn neu eingespeicht ist, denn beim Einspeichen kann sich die Bremstrommel verziehen, und dann war das vorherige Ausdrehen für die Katz.
 
In diesem Stadium kann die Trommel oder Nabe auch gleich gesandstrahlt werden. Lagersitze und Bremsfläche sollten dabei abgeklebt werden, oder man läßt die alten Lager drin.
Man sollte sich überlegen, ob man die Nabe statt lackieren (der Lack kann beim Einspeichen abplatzen) lieber pulverbeschichten läßt, denn diese Beschichtung ist sehr widerstandsfähig und elastisch.

3Speichen, Felgen, Speichenschlüssel

So, nun geht's ans Messen der Speichen. Man mißt die Länge, den Durchmesser (manche Speichen sind abgestuft) und den Kopfwinkel.
 
Der Außendurchmesser der Nippel muß in die Felgenbohrungen passen. Speichen gibt es verchromt, verzinkt, in V2A und roh. Nippel sind meist aus verchromtem oder vernickeltem Messing. An Felgen ist für jeden Geschmack etwas dabei:
 
Stahl verchromt, Alu-Hoch- oder Flachschulter. Felgenmaße werden in innerer Felgenweite und Durchmesser in Zoll angegeben. (1 Zo11=25,4mm)
 
Speichen, Felgen und stabile Speichenschlüssel gibt's bei Radspannereien. Aber damit ist noch längst nicht alles getan, denn jetzt braucht man noch einen Auswuchtbock. Den kann man sich leicht selber bauen (siehe Abb.). Als Achse genügt eine passende Rundstange aus Stahl - gerade muß sie aber schon sein!
 
Man bekommt schon für DM 89.- ein Wuchtgerät mit drei Achsen. Dazu braucht man noch pro Achse vier Stellringe (gibt's im Werkzeug- oder Schraubenhandel), damit sich weder die Achse noch die Nabe axial verschieben können, und somit die Anzeiger (Bleistift, Kreide oder Meßuhr) sinnlos werden.
 
Sind zu guter Letzt neue Radlager eingesetzt, so kann endlich mit dem Einspeichen begonnen werden. Apropos Lager: Man sollte prüfen, ob statt der losen und offenen Kugellager nicht abgedichtete Rillenkugellager eingebaut werden können.

4Speichen einstecken / Nippel anziehen

Man lege die Felge auf eine ebene, saubere Fläche und plaziere die Nabe in die Mitte. Hat man die Speichen nach linker und rechter Seite sortiert, steckt man abwechselnd eine Speiche von außen, die nächste von innen usw. durch die oben liegenden Löcher der Nabe. Nun muß man sich die Zeichnungen oder Fotos ansehen, um die Speichen in die richtige Lage zur Felge zu bringen.
An der Nabe zeigen die inneren und äußeren Speichen in die entgegengesetzten Richtungen. Sie liegen tangential zur Nabe und werden in die Punzungen der Felge gesteckt, in die die Speichenenden zeigen. Auf die Speichenenden werden die Nippel mit ein paar Umdrehungen geschraubt.
 
Jetzt wird das ganze lockere Gebilde umgedreht, und es folgt der zweite Durchgang. Man muß dabei prüfen, ob die erste Speiche der neuen Seite von außen oder von innen eingesteckt werden muß.
Es dürfte nun auch klar werden, warum die Nippel vorher nicht ganz aufgeschraubt werden sollten. Das Reinfummeln der Speichen geht nämlich sehr viel leichter, weil Nabe und Felge radial verschiebbar sind.
 
Es ist dringend davon abzuraten, Speichen zu verbiegen, damit sie in die Punzungen gehen. Dies schwächt das Rad!
 
Die häufigsten Speichenanordungen sind 2-Kreuz und 3-Kreuz, d.h. von der Nabe zur Felge kreuzt eine Speiche zwei bzw. drei andere Speichen. Zwischen zwei aufeinanderfolgenden z.B. inneren Speichen der Nabe bleiben auf der Felge drei Punzungen frei.
Man kann dies sehr gut sehen, wenn man auf einer Seite bloß die inneren (oder äußeren) Speichen in Nabe und Felge einsteckt und dann die Felge entgegengesetzt zur Nabe verdreht.
 
Sind alle Speichen eingesetzt, so werden die Nippel gleichmäßig angezogen, sodaß das Rad einigermaßen stabil ist und die Felge nicht mehr allzu sehr schlingert. Jetzt kann das Rad in den Zentrierbock eingesetzt werden.

5Höhenschlag und Seitenschlag

Im Zentrierbock werden die Nippel, mit dem Schraubenzieher handfest angezogen. Das wird beim Drehen nun auf und ab und von Seite zu Seite eiern.
 
Es muß nun auf 1) Versatz 2) Höhenschlag 3) Seitenschlag 4) Speichenspannung ausgerichtet werden. Der Versatz sollte vor dem Zentrieren nicht mehr als 10 mm vom notierten Wert abweichen. Voraussetzung ist freilich, daß die Speichen die richtige Länge haben.
Richtig fest sollen die Speichen jetzt noch nicht gezogen werden. In diesem Stadium genügt es, wenn die Felge ca. 5mm Seitenschlag hat. Die Feineinstellung erfolgt später.
 
Um den Höhenschlag zu eliminieren, befestigt man zuerst einen Zeiger an der Zentrier-Vorrichtung und beobachte bei langsamen Drehen des Rades die Höhenabweichung. Der Zeiger sollte auf die Innenseite deuten, dort, wo der Reifen aufliegt.
Die Höhenabweichung kann sehr leicht korrigiert werden. Man sollte die Konstruktion des Rades genau studieren, damit man weiß, welche Speichen man festziehen oder lösen muß. Denke zweimal, bevor Du einmal schraubst!
 
Markiert der Zeiger die tiefste Stelle der Felge, so zieht man auf der gegenüberliegenden Seite, also oben, die Nippel an und löst dann die unteren ein wenig. Diese Prozedur wird ein paar Mal wiederholt werden müssen, bis die Felge sauber läuft. Es sollte immer nur ein bißchen korrigiert werden. Weniger ist hier mehr!
 
An einer Stelle wird immer ein Ausschlag festgestellt werden, nämlich da, wo die Felge geschweißt ist. Daran kann man nichts ändern.
Bis 2,5mm Höhenschlag sind für normales Fahren akzeptabel, für schnelle Kräder sollten es höchstens 1,5mm sein. Im Zweifel sollte man sich an einen Experten wenden.

6Speichen-Spannung

Das Einstellen des Seitenschlages und der Speichenspannung mag dem Anfänger besonders schwierig erscheinen. Keine Angst, es ist einfacher als man denkt. Zuerst sollte man sich wieder die Speichenanordnung genau ansehen. Am Zentrierbock wird ein Zeiger angebracht, der auf den äußeren Felgenrand deutet.
Schlägt das Rad beim Drehen auf die linke Seite, zieht man die Nippel der rechten Seite etwas strammer und zwar genau gegenüber dem Ausschlag. Die Nippel auf der linken Seite werden ein wenig gelöst. Wieder gilt die Regel: Immer nur ein bißchen. Was man auch immer auf der einen Seite macht, es beeinflußt die andere.
 
Der Ausschlag ist schnell eliminiert. Mit ein wenig Geschick läuft das Rad jetzt schon sehr sauber. Ziehe nun alle Nippel etwas fester. Wiederhole das Ganze, bis das Rad nur noch den erlaubten Ausschlag zeigt, den Rest hat der Reifen nach ein paar Kilometern erledigt. Der Versatz muß allerdings auch stimmen!
 
Speichen sollten, wenn sie schwer in die Punzungen gehen, nicht um die Naben gebogen werden, sondern mit einem Kunststoffhammer genau am abgewinkelten Kopf gegen die Nabe geklopft werden. Bei dieser Aktion zeigt sich der Vorteil einer Kunststoffbeschichtung. Sind alle Speichen fest, so klopft man sie mit einem Schraubenzieher leicht an.
Ein hoher Ton signalisiert richtige Spannung, ein dumpfer eine noch zu lockere.
 
Zum Schluß müssen noch die überstehenden Speichenenden mit Feile oder Schleifgerät entfernt werden; Felgenband rüber (gibt's im Reifenhandel), fertig! Ausgewuchtet wird, wenn der Reifen drauf ist.

7Speichenrad, fertig eingespeicht und zentriert

So, nun prüft man noch, ob die Bremsbacken beim Bremsen über die ganze Fläche an der Trommel anliegen. Dazu bestreicht man die Bremsbacken mit Kreide und baut die Trommel komplett zusammen. Nach der Probebremsung sieht man, wo die Backen anliegen.
Das Ausdrehen der Bremstrommel komplett im eingespeichten Rad und das Überdrehen der eingebauter Bremsbacken sollte einem Spezialisten überlassen werden.
 
An reinen Materialkosten, also ohne Zentrierbock und Arbeitslohn, muß man je nach Materialgüte zwischen 150 und 250 DM pro Rad anlegen. Für japanische Motorräder ist es ein bißchen billiger, denn deren Räder haben meist nur 36 Speichen, die der Europäer dagegen 40.
 
Ob die alte Felge neu verchromt werden soll, hängt vom Preis und der Qualität des neuen Chroms ab. Platzt dieser ab, wenn man die erste Speiche spannt, hat es sich nicht gelohnt. Hoffnungslos verzogene Felgen werden besser ausgetauscht. Wenn man gar keinen Plan hat, so sollte man sich unbedingt an einen Fachmann wenden.
 
Überdenkt man, was das Selbst-Einspeichen an Geld und vor allem Zeit kostet, so kann es billiger sein, das Rad gleich bei einer Radspannerei abzugeben. Einspeichen und Zentrieren kostet dort zwischen 80 und 100 DM pro Rad.
Etwa die Hälfte spart man, wenn man selbst einspeicht und das Zentrieren einem Radspanner überläßt. Manche Betriebe bevorzugen letzteres, manche nicht. Blickt man nicht mehr ganz durch und bringt das halbfertige Rad dann zu einem Betrieb, muß man sich schon mal ein paar blöde Sprüche anhöre, bis jetzt hat's aber noch jeder überlebt.