Kopfschmerzen?

Ventile aus- und einbauen

Kopfschmerzen?

# 100 | 05.03.2015 | JEM

Ventile steuern den Gaswechsel im Zylinder und müssen sauber abdichten. Liegen die Teile auf der Werkbank, sind Austausch und Einschleifen reine Fleißarbeit.

1Kopfschmerzen?

Headcrash. Kurz nachdem die Ventile im Motor auf die Kolbenböden geklatscht sind, macht es der Besitzer des Krades genauso: Er klatscht seinen Hut auf die Erde und beginnt, ihn mit den Stiefeln kalt zu verformen.
Wir zeigen in diesem Artikel, wie man nach einem solchen SuperGAU im Zylinderkopf aufräumt, neue Ventile einbaut und einschleift. Fotomodell ist in hier ein alter GPZ-Vierzylinder, dessen Nockenwellenräder falsch montiert waren.
 
Solcherlei Kopfschmerzen kommen auch bei Autos immer wieder vor. Schuld ist dann allermeistens ein gerissener Zahnriemen, dessen Wechselintervall gnadenlos überdehnt wurde. Allerdings reißen auch Steuerketten; alternativ gehen Spanner kaputt und Kette oder Riemen rutschen lustig über die Räder.
Der Effekt ist in allen Fällen derselbe. Wenn man jedoch ganz großen Dusel hat, baut der Kopf des Motors so, dass die Ventile genug Platz haben und nicht auf die Kolben aufsetzen. Oder man hat einen Ein- oder Zweizylinder, bei dem die Nockenwelle stehen bleibt, wenn die Ventile nicht betätigt sind.
 
Bevor man sich allerdings an die Demontage des Zylinderkopfs macht, lohnt ein kleiner Test: Möglicherweise hat es der Schöpfer gnädig gemeint und die Ventile grade gelassen.

2Ventile krumm?

Für diesen Test braucht man nichts weiter als eine Zigarette und einen Staubsauger. Mit dem Sauger erzeugt man Unterdruck, der dann den Zigarettenqualm durch ein Zündkerzenloch ansaugt. Dazu die Zündkerzen rausdrehen und die Vergaser abbauen.
 
Die Nockenwelle(n) ausbauen. Alle Ventile sollten jetzt eigentlich geschlossen und dicht sein. Wenn man nun den Saugerrüssel an die Ansaugstutzen hält und der Kobold fleißig röchelt, sollte die Rauchfahne der Kippe NICHT ins Kerzenloch ziehen. Tut sie das doch (leider meist sehr deutlich), ist das betreffende Ventil krumm. Pech gehabt.
 
Bei der Auspuffanlage ggf. die zweite Auspufftüte oder undichte Stellen mit einem Lappen abdichten. Der Test geht dann genau so. Hat man das unwahrscheinliche Glück heiler Ventile gehabt, muss man jetzt nur die Nockenwelle wieder einbauen und die Steuerkette / den Zahnriemen wieder auflegen. In aller Regel ist das aber nicht der Fall. Wenigstens ein Ventil stellt sich meist als krumm heraus.
Im Fall dieser GPZ alle vier Auslassventile.
 
Ventile als Originalersatzteile sind ziemlich teuer. Als Nachbauten kosten sie meistens nicht mal die Hälfte. Beim Einkaufsbummel auch an Ventilschaftdichtung und Kopfdichtung denken. Am billigsten kommt man oft mit einem Motordichtsatz aus dem Zubehörhandel weg - da ist dann bis auf Wellendichtringe alles drin, was man braucht, um die Kiste wieder zuzukriegen.
Häufig zu einem Preis, für den man beim Vertragshändler nicht mal eine Kopfdichtung bekommt. Ist der Zylinderkopf nicht wie hier mit Stehbolzen, sondern mit Dehnschrauben festgezurrt, muss man die auch ersetzen.

3Schaden aus der Nähe

Hat man den Zylinderkopf runter, kann man sich den Schaden in aller Ruhe besehen und erst mal alles saubermachen. Reste der Kopfdichtung abkratzen und Ölkohle aus dem Brennraum popeln.
 

4Tassenstößel

Bevor man anfängt, den Federteller runterzuruppen, muss alles, was an Ventiltrieb noch im Weg ist, abgebaut werden. Bei dieser GPZ sind es die Tassenstößel, mit denen das Spiel eingestellt wird.
 
Die Dinger sitzen saugend-schmatzend im Kopf und beherbergen untendrunter die Shims, mit denen man das Ventilspiel einstellt. Bei anderen Motoren ist die Nockenwelle selbst im Weg oder die Kipphebel. Das alles muss raus, bevor man sich an die Ventile macht.
 
Wichtig: Alle Teile des Ventiltriebs, also auch die Stößeltassen und Shims fein säuberlich paarig oder nummeriert zu Ventil und Federn aufbewahren. Spart später mühsames Ventileinstellen.

5Ventil-Werkzeug

Um die Ventile auszubauen, braucht man Spezialwerkzeug, das man sich aber in aller Regel auch selber bauen kann. Kern des Spezialwerkzeugs ist eine schnöde Schraubzwinge, mit der man etwas tiefer spannen kann. Zusätzlich braucht man eine Hülse, mit der man den Federteller des Ventils runterdrücken kann.
 
Als Ausgangsmaterial nimmt man ein Stück Rohr, das man mit Winkelschleifer und Feile solange bearbeitet, bis es passt. Will man es ganz fein haben, kann man auch noch eine Platte obendraufschweißen, damit die Zwinge besser hält.

6Zwinge spannen

Man braucht für die Demontage der Ventile neben Zwinge und Hülse vor allem eine stabile Werkbank und ein paar Holzkeile. Die schiebt man so unter den Zylinderkopf, dass er schräg steht und man mit Zwinge unter den Ventilteller fassen kann. Die Hülse setzt man so auf den Federteller, dass man in dem Fensterchen beide Ventilkeile sehen kann.
 
Jetzt muss man das ganze möglichst gerade zusammenspannen, damit einem die ganze Suppe nicht von der Werkbank rutscht.
Wenn es beim Spannen irgendwann "knuck" macht, sind die Keile freigekommen. Jetzt noch ein wenig weiterdrehen, damit die Dinger noch ein wenig weiter herausstehen.

7Ventiltrieb zerlegen

Die Ventile werden von der oder den Ventilfedern auf ihren Sitz gepresst. Die Kraft dazu wird vom Ventilfederteller übertragen. Der ist mit kleinen Keilen, die in Ringnuten im Ventilschaft greifen, am Ventil befestigt.
 
Diese Ventilkeile müssen raus, damit man den Federteller, die Federn und schließlich das Ventil rausziehen kann.

8Ventilkeile rausnehmen

Mit einer Pinzette lassen sich die Ventilkeile am besten herausfischen. Man kann sein Glück auch mit einem Stückchen Draht oder einer Radiozange versuchen. Das kann man allerdings auch verfluchen, wenn einem ein solcher mikroskopischer Keil in den Unratdschungel unter der Werkbank geflitscht ist: Es gibt Leute, die Kippen dreiviertelvolle Mülltonnen aus und sieben deren Inhalt 5 Stunden lang, um die verflochten Keile wiederzufinden.
 
Wenn die Keile jedoch gut aufgehoben und verlustsicher auf der Werkbank liegen, entspannt man die Schraubzwinge. Federn, Federteller und Ventile hebt man mit allen Teilen des Ventiltriebs pro Ventil separat auf.
Diese separate, am besten nummerierte Aufbewahrung ist wichtig: Je länger die Mühle in Betrieb war, desto deutlicher haben sich Ventilteller, Ventilschaft und Ventilsitz aufeinander eingearbeitet. Vertauscht man die Teile untereinander, bedeutet das erhöhten Verschleiß oder Undichtigkeiten.
 
Liegen alle Einzelteile auf dem Teller, kann man auch prüfen, ob die Ventilfedern noch die Kraft der zwei Herzen haben. Mit der Zeit werden Ventilfedern nämlich müde und schließen nicht mehr so schnell.
Bei hohen Drehzahlen funktioniert dann der Gaswechsel nicht mehr 100%ig und bedeutet Verlust und Minderleistung.  Mit einem Messschieber kann man die Länge der entspannten Feder mit einer frischen Feder oder dem Datenblatt des Motors vergleichen.
 
Ob die GPZ je wieder läuft, ob Vladimir Putin der EU noch an die Eier packen kann und wie man die Ventile der Mühle einschleift, zeigt der zweite Teil dieses Artikels. Freunde der politischen Unfreiheit, bitte dranbleiben.