Bossa Nova bei Regen

Bremse hinten reparieren

Bossa Nova bei Regen

# 98 | 19.02.2015 | JEM

Wenn die Hinterräder bei Polo, Passat oder Golf nicht spuren, tanzt der VW Bossa Nova - meist bei Regen und mit unschönen Folgen. Der feine Mann tauscht Bremsscheiben und -Beläge deshalb rechtzeitig.

1Hinterradbremse

Als zwei Buchstaben am Grill noch "Volkswagen" hießen, wurden die hinteren Bremsen an Golf, Passat und Polo mit Trommel und Bremsbacken gebaut. Diese Konstruktion war grundsolide und hielt häufig fast das ganze Autoleben lang.
Mit zunehmendem Fahrzeuggewicht und gestiegenen Ansprüchen an das "Engineering" stiegen die Wolfsburger auf Scheibenbremsen um, die auch optisch was hermachen - Bremsscheiben an der Hinterachse hatte schließlich Anfang der 90er Jahre nur die automobile Oberklasse zu bieten.
 
Im Prinzip funktioniert so eine Bremsanlage wie das Gegenstück von der Vorderachse. Weil aber die Bremskraft im Heck je nach Fahrzeug und Beladung teilweise nur 30% der gesamten Bremsleistung ausmacht, fällt ein schleichender Verfall der Bremsleistung an der Hinterachse nur selten auf. Erst bei einer Vollbremsung auf glattem Grund oder dem Totalversagen der Handbremse wird der Mangel offenbar.
 
Ein völliger Verschleiß der Bremsbeläge, die in unserem Beispiel schon auf dem Belagträger angekommen waren, verursacht unüberhörbare Geräusche. Da hilft dann nur ein lautes Radio oder der Wechsel von Belag und Scheibe. Unser Artikel zeigt letzeres. Die hier beschriebenen Arbeiten gelten sinngleich für viele Hinterradbremsen an unterschiedlichen Typen von Passats, Gölfen, Polos und auch etlichen Audis, Skodas und Seats.

2Bremsscheiben und Bremsbeläge

Weil Bremsen auch beim Passat kein unwichtiges Fahrmanöver ist, sollte man bei jeder Arbeit an der Bremsanlage weder schludern noch geizen. Um den Zustand der Bremsscheibe zu ermitteln, reicht in aller Regel ein Blick durch die Felge oder ein gemütliches Minütchen unter dem Auto. In diesem Fall war der Zustand aller Bremsenteile schlicht erbärmlich. Der Mann klagte vor allem darüber, "dass es hinten so hässlich schleift".
 
Damit schlug er den Nagel in die Wand: Die Bremsscheibe war riefig und rostig, die Bremsbeläge nicht mehr vorhanden. Als gute Tat hätte man hier noch eine Prise Kompostbeschleuniger zugeben können. Weil die Wolfsburger Ingenieure bei dieser Konstruktion die Radlager nebst Dichtring in die Scheibe verpflanzt haben, müssen die Radlager beim Wechsel der Bremsscheibe immer raus und rein.
Diese Radlager halten eigentlich ewig, sind jedoch so günstig zu bekommen, dass es meist einfacher ist, sie gleich mit auszutauschen. Ersatzteile vom Schrottplatz sind manchmal für den Gegenwert einer Kiste Bier zu bekommen.
 
Mit diesem Geld sollte man sich jedoch schlicht eine Kiste Bier kaufen. Und danach 70 Euro in die Hand nehmen und neue Teile für das Auto erstehen. Für dieses kleine Geld bekommt man an jeder Ecke zwei Bremsscheiben, vier Bremsbeläge und zwei paar Radlager nebst Zubehör. Diese Neuteile (die bei VW deutlich mehr kosten) stellen sicher, dass die Bremsleistung ordentlich und vor allem gleichmäßig ist.

3Auto aufbocken

Wo man die Reparatur vornimmt, ist prinzipiell wurscht - trocken und hell sollte der Platz allerdings sein. Wir zeigen die Reparatur auf der Autoschrauber.de-Hebebühne; das ist Luxus und macht das Leben leicht. Die Arbeit ist dabei links und rechts dieselbe. Wir fangen mit der linken Seite an.
 
Hat man keine Hebebühne, so sollte das geliebte Fahrzeug wenigstens um weitere 20 Zentimeter höher kommen, damit untenherum genug Platz bleibt.
Die hochgepumpte Fuhre dabei unbedingt mit Böcken, Holzklötzen oder Gehwegplatten abstützen: fällt einem die Familienkutsche am Freitagabend auf den Hut, kann es durchaus bis Montag dauern, bis Hilfe kommt - eine im mindesten peinliche Situation.
 
Radschrauben lösen, solange das Fahrzeug noch auf dem Boden steht. Wagen aufbocken, Radschrauben herausdrehen und das Rad abnehmen.

4Bremsschlauch lockern

Der Bremssattel verfügt nicht nur über eine hydraulische Betätigung (über die ganz normale Fußbremse), sondern auch über eine Handbrems-Betätigung. Dabei zieht Vatti ganz normal den Handbremshebel in der Mittelkonsole und damit am Handbremsseil. Im Bremssattelgehäuse wird dessen Bewegung auf den Bremskolben übertragen und setzt die Scheibe fest.
 
Damit das Spiel der Handbremsbetätigung bei fortschreitendem Verschleiß von Scheibe und Belag nicht immer größer wird, ist im Bremssattel eine automatische Nachstelleinrichtung versteckt. Diese Nachstelleinrichtung muss zurückgestellt werden.
Dieses Zurückstellen kann man am eingebauten Bremssattelgehäuse machen. Für einen genauen und gründlichen Blick empfiehlt sich jedoch der komplette Ausbau des Bremssattelgehäuses. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass sich die Nachstelleinrichtung auf der Werkbank deutlich leichter bearbeiten lässt. Großer Nachteil: Das Hydrauliksystem muss aufgemacht und nach der Operation wieder entlüfttet werden.
Wer es hurtig mag, kann das Hydrauliksystem auch zu lassen, muss allerdings darauf vertrauen, dass der Bremssattel astrein funktioniert. Wir machen hier einfach mal auf.
 
Ein Stück Dachlatte zwischen Bremspedal und Lenkrad hilft, das Auslaufen von Bremsflüssigkeit zu verhindern. So kann keine Bremsflüssigkeit aus dem Ausgleichbehälter nachfließen und den kostbaren Werkstatt-Perser versauen. Bremsschlauch lockern. Der lässt sich erst ganz herausdrehen, wenn das Bremssattelgehäuse los ist. Dabei dröppelt eine kleine Menge Bremsflüssigkeit aus der Verschraubung: Lappen unterlegen.

5Handbremsseil aushängen

Das Handbremsseil hängt mit seiner Hülle an einem Halteblech. Den Federclip mit einer Kombizange abziehen, so dass sich das Seil entspannt.
 
Anschließend den Nippel des Zuges mit einer scharfen Zange packen und aus dem Betätigungshebel der Handbremse herausfädeln.

6Bremssattel demontieren

Das Bremssattelgehäuse wird von zwei Befestigungsschrauben im Bremsträger gehalten. Diese beiden Sechskantschrauben auf der Rückseite des Bremssattels lösen. Dabei mit einem Maulschlüssel an den Führungsbolzen gegenhalten.
Wenn die Schrauben raus sind, lässt sich das Gehäuse herausschwenken - die Bremsbeläge bleiben vorerst im Bremsenträger. Falls die Beläge (oder deren Fragmente) stark in die Scheibe eingelaufen sind, hilft nur rohe Gewalt: die Nachstellvorrichtung verhindert das Zurückdrücken des Bremskolben - der Sattel muss aber runter.
 
Jetzt den Bremsschlauch aus dem Bremssattelgehäuse herausdrehen und den Sattel auf die Werkbank schleppen. Ob man sich jetzt dem Sattel widmet oder mit dem restlichen Passat weitermacht, ist wurscht.

7Nachstelleinrichtung zurückstellen

Um die Nachstelleinrichtung zurückzustellen, muss der Bremskolben gleichzeitig gedreht und gedrückt werden. Dafür besitzt der Kundendiener bei VW eine spezielles Werkzeug, dass der Besitzer eines Winkelschleifers in anderer Form gratis in der Schublade hat. In der Fläche des Bremskolbens befindet sich nämlich eine Nut, in die der Schlüssel einer billigen Flex haargenau hineinpasst. Alternativ kann man auch ein Stück Flachstahl oder Blech nehmen, wenn sich damit der Kolben drehen lässt.
 
Das Drücken und Drehen selbst erfordert eine erhebliche Portion Kraft. Damit einem bei dieser Aktion der Bremssattel nicht vom Schoß springt, spannt man ihn vorsichtig in einen Schraubstock und beginnt mit der Untersuchung: ist die Staubschutzmanschette noch einwandfrei? Ist der Bremssattel feucht? Falls irgendwelche Zweifel am Zustand des Bremssattels bestehen, sollte man in jedem Fall auf Nummer sicher gehen und das Bauteil zerlegen und von Grund auf neu machen.
 
Als Druckmittel für den Kolben eignet sich eine schnöde Schraubzwinge. Mit ihr wird der Kolben mittelfest eingespannt und anschließend gedreht. Dabei zieht sich der Lurch in sein Häuschen zurück und entspannt die Schraubzwinge. Schraubzwinge wieder anziehen und wieder drehen. Der Sattel ist einbaufertig, wenn der Kolben völlig im Sattel verschwunden ist und die Manschette gleichmäßig anliegt.
 
In diesem Arbeitsschritt auch das Entlüfterventil vorsichtig begutachten. Dieses Pfennigbauteil aus indonesischen Weichaluminium reisst gerne ab, wenn es der Meisterbetrieb vor Jahren mit roher Gewalt festgezimmert hat. Mit Caramba einweichen und lösen.

8Bremsscheibe wechseln

Die Bremsbeläge lassen sich einfach aus dem Bremsenträger herausnehmen.
Dabei wird der Zustand mehr als deutlich - diese Beläge waren so sortenrein abgetragen, dass man die Belagträger gleich in den chinesischen Hochofen werfen könnte. Bevor man die Bremsscheibe ins Reich der Mitte expediert, muss sie erstmal runter und mit neuen Lagern versehen werden.
 
Wie das geht, zeigt unsere Anleitung zum Wechsel der Radlager und der Bremsscheibe. Ist die neue Scheibe montiert und das Radlager penibel justiert, kann es weitergehen.

9Bremsbeläge einbauen

Bevor man mit gierigen Griffeln die jungfräuliche Schachtel der Bremsbeläge auffingert, sollte man ein Päuschen einlegen und die Flossen waschen. Schon kleine Mengen Dreck und Öl dringen erstaunlich tief in die Beläge ein und versauen sie dauerhaft.
 
Auch wenn das auf den Bilder nicht so aussieht - diese Flossen sind verhältnismäßig sauber.
Die Bremsscheibe sollte natürlich ebenfalls klinisch rein sein. Die Exemplare in diesem Artikel waren ab Werk beschichtet; andere Hersteller ölen Bremsscheiben immer noch mit Korrosionsschutzöl ein, damit die Drehlinge nicht schon auf dem Weg in die Werkstatt rosten.
Dieses Korrosionsschutzöl muss bis aufs letzt Milligramm runter. Erst dann die Bremsbeläge einbauen.

10Zusammenbau und Probefahrt

Die Bremserei wird in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammengesteckt. Dabei muss der Bremsschlauch schon in das Bremssattelgehäuse hineingedreht werden, bevor der Sattel mit den beiden Befestigungsschrauben festgezogen wird. Das Handbremsseil einhängen. Das geht mitunter schwer - in jedem Fall eine scharfe Wasserpumpenzange verwenden.
 
Weil die Bremsanlage offen war, muss sie jetzt auch entlüftet werden. Wenn man es besonders eilig hat, reißt in diesem Schritt garantiert das Entlüfterventil im Bremssattelgehäuse ab.
Wer dieses kleine Miststück schon auf der Werkbank vorsichtig gängig gemacht hat, kann jetzt milde lächeln. Anschließend das Rad anschrauben, und die Hinterräder von Hand durchdrehen. Dabei die Handbremse einige Male anziehen und wieder lockerlassen. Ist die Bremswirkung gleichmäßig?
 
Abschließend den Wagen abbocken und die Radschrauben mit 120 Nm anziehen. Eine vorsichtige Probefahrt machen. Handbremse ziehen. Bremst es brauchbar? Lassen sich die Hinterräder bei unbeladenem Wagen blockieren? Wenn ja: Bremsenwechsel mit Datum und Unterschrift im Scheckheft vermerken: gut gemacht!