Richtig gespannt?

Radlager ausbauen

Richtig gespannt?

# 62 | 21.11.2014 | JEM

Die Radlager beim MB100 sind eingepresst; ihre Vorspannung ist über eine Stauchhülse einstellbar. Für den Wechsel braucht man Zeit und ein paar Spezialwerkzeuge.

1Radlager tauschen?

Der MB100 ist ein solides Stück deutschen Maschinenbaus. Viel Stahl und wenig Motorleistung garantieren nahezu Dauerfestigkeit aller Bauteile. Die Radlagerdimensionierung hat vermutlich ein übervorsichtiger Reichsbahningenieur vorgenommen - trotzdem gehen diese Lager auch mal kaputt.
 
Wenn´s also vorne klappert oder klackert und das Rad fühlbares Spiel aufweist, können diese Wälzlager den Weg alles irdischen gegangen sein. Ein Austausch steht an und ist, wenn man Zugriff auf robustes Werkzeug hat, kein großes Problem.
 
Die Vorderräder beim MB-Kutter bestehen aus zwei gegeneinander verspannten Kegelrollenlagern. Die nötige Lagerluft wird durch eine Stahlhülse gegeben, die beim Anziehen der Zentralmutter gestaucht wird.
Um diese Stauchung und das richtige Spiel der beiden Lager einzustellen, braucht man neben einem Ringschlüssel SW46 oder einem entsprechenden Steckschlüssel eine Messuhr mit Magnetstativ. Ohne die lässt sich das Lagerspiel nicht einwandfrei einstellen.
 
Ein zu strammes Spiel zerlegt die Lager binnen kurzer Zeit, zu großes Spiel lässt die Lagerung klappern. Mitunter so stark, dass die Bremsscheiben blockieren.
Die Lager unseres Fotomodells waren ebenfalls zu locker und machten mitten in der schönsten Urlaubslaune Radau. Der Mann hat in den italienischen Alpen noch mit Hammer und Meißel versucht, die Mutter nachzuziehen; allerdings völlig erfolglos, weil das Anzugsdrehmoment jenseits der 250 Nm liegt.
 
Um die Lager zu tauschen, muss der gesamte Achsschenkel raus. Bei dieser Gelegenheit, und wenn man noch ein paar Dollar überhat, kann man auch die Gelenkschutzhüllen der Antriebswellen tauschen, weil man da dann schön drankommt. Einen Radlagersatz kann man sowohl bei Daimler als auch im Zubehör kriegen. Man sollte unbedingt die Radialwellendichtringe mitkaufen, weil die unweigerlich zerstört werden. Nützlich sind auch die O-Ringe der Bremssattel-Bolzen.

2Vorderrad abnehmen

Radmuttern vorne lösen. Nicht abschrauben. Blechstopfen mit Schraubenzieher oder Wasserpumpenzange vorsichtig abziehen.
 
Bremse treten (lassen) und die Zentralmutter lösen. Dieses Biest ist mit zwei Verstemmungen gegen Lösen gesichert. Die also vorher aufstemmen und mit einem Ringschlüssel SW46 oder besser mit einer Nuss dieser Schlüsselweite Drehmoment anlegen. Das kann mitunter sehr viel sein und eine ordentliche Verlängerung nötig machen.

3Wagen aufbocken

Wagen vorne sicher aufbocken. So, dass das Vorderrad ein paar Zentimeter vom Boden wegkommt und die ganze Fuhre nicht wegrollen kann.
Wir haben eine Hebebühne benutzt, das erleichtert die Arbeit ungemein, ist aber nicht zwingend notwendig. Rad abbauen. Zentralmutter ganz abschrauben und wegwerfen.
 
Die Radnabe, auf der die Lager sitzen und das der Achsschenkel, der den Kram führt, liegen jetzt bloß und blank. Beides muss raus, um an die Lager zu kommen. Unterer Querlenker und Stoßdämpfer bleiben drin.

4Bremssattel demontieren

Bremssattel abbauen. Der Sattel wird von zwei Bolzen gehalten, die mit Klammern gesichert sind. Diese Klammern mit einem Schraubenzieher abhebeln.
 
Die Bolzen jetzt mit einem geeigneten Durchschlag nach hinten aus dem Sattel austreiben. Sinnigerweise sitzen auf den Bolzen kleine O-Ringe. Die werden bei der Demontage allermeistens zerstört und müssen ausgetauscht werden. Vorher kaufen.

5Bremsbeläge abnehmen

Wenn der Sattel jetzt los ist, die Bremsbeläge mit spitzen Fingern anfassen und an einen ölsicheren Ort verfrachten.
 
Den Bremssattel vorsichtig weglegen. Prima eignet sich dazu der Längsträger hinten im Radhaus. Den Sattel gegen Herunterfallen sichern.

6Radnabe demontieren

Jetzt die Radnabe abnehmen und zur Werkbank schleppen.
 
Im Lagerschild wird jetzt die Distanzhülse sichtbar: Sie bestimmt das Lagerspiel und kann nur ein einziges Mal zusammengedrückt werden. Das Ding hier ist hin - rausangeln und in den Müll werfen.
 

7Achsschenkel ausbauen

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: der Achsschenkel muss raus. Der ist an drei Punkten befestigt: unten im unteren Querlenker, mit dem Lenkspurhebel an der Spurstange und oben im oberen Querlenker.
 
In allen Fällen sorgen Kugelgelenke für Bewegungsfreiheit.
Diese Kugelgelenke sind in ihren Klemmungen unter Umständen so festgegammelt, dass man andere Teile demontieren muss. In diesem Fall blieb das untere Kugelgelenk am unteren Querlenker. WO man den Achsschenkel abschraubt, ist letztlich mumpe.
 
Es empfiehlt sich, zumindest den Ausbau mit einer zweiten Person zu machen, damit der Achsschenkel nicht auf die Erde knallt.

8Drehstab spannen

Der MB100 ist vorne mit Drehstäben gefedert. Das ist eine feine Sache und tat schon beim Käfer seinen Dienst. Allerdings sitzt hinter diesen Drehfedern eine Menge Pfeffer. Damit man den Achsschenkel aus dem oberen Querlenker rauskriegt, muss man diese Drehfeder spannen.
Am einfachsten benutzt man dazu eine kleine Blechlasche, wie im Bild gezeigt. Den Bolzen aus der Klemmung drehen und das Hilfswerkzeug ansetzen. Die Schraube sollte darf keinesfalls zu dick sein, damit der Stumpf des Kugelgelenks daran vorbeigleiten kann. M8 sollte genügen.
 
Mit einer großzügigen Verlängerung und Otto-Wanz-Qualitäten kann man die Drehfeder jetzt spannen. Damit die Feder während des gesamten weiteren Ausbaus gespannt bleibt, einen umkippsicheren Holzklotz unter die Verlängerung stellen.
Wenn sich das Kugelgelenk trotz Caramba nicht rührt, Gewalt anwenden. Dabei am besten mit einem fetten Eisendorn auf den Achsschenkel schlagen, bis er aus der Klemmfaust rutscht.
 
Wenn das Ding fast raus ist, aufhören und die beiden anderen Kugelgelenke lösen.

9Traggelenk lockern

Der Achsschenkel wird im unteren Querlenker und der Spurstange mit zwei weiteren Kugelgelenken geführt. Um die zu lösen, die Splinte rauspopeln (bei der Montage neue nehmen) und die Kronenmuttern losdrehen.
Wenn sich die Kugelgelenke nicht nach einem scharfen Schlag mit dem Schonhammer aus der Klemmung lösen, muss auch hier Nachdruck her. Den kann man mit einem Kugelgelenk-Abdrücker oder einer Trenngabel aufwenden.
 
Wer nur einen Zweiarm-Abzieher hat, kann den mit der (alten) Kronenmutter ansetzen. Wenn der Abzieher unter ein paar Tonnen steht, mit einem Schlosserhammer einen scharfen Schlag auf die Spindel tun.
 
Falls es jetzt nicht "knack" sagt, muss der ganze Kram angewärmt werden. Im Fall des unteren Querlenkers kann man das Gelenk auch am Querlenker lassen.

10Wellendichtringe ausbauen

Wenn der Achsschenkel auf der Werkbank liegt, müssen erst die Dichtringe, dann die alten Lagerschalen raus. Damit man am Achsschenkel nach Herzenslust herumochsen kann, sollte man ihn in den Schraubstock spannen.
 
Zum Heraushebeln der alten, festgepappten Dichtringe eignet sich prima ein Montierhebel. Den äußeren Dichtring kann man mit einem Schraubenzieher abprokeln.

11Lagerschalen rausschlagen

Den alten Schraubenzieher legt man gar nicht erst aus der Hand, sondern schlägt auch gleich die alten Lagerschalen aus dem Achsschenkel. Peng. Raus damit.
 
Abschließend putzt man sowohl den Sitz der Lagerschalen und den der Wellendichtringe peinlich sauber und begutachtet alles auf Beschädigungen oder Grate.
 
Wenn die Schalen oder Dichtringe nicht astrein sitzen, gehen sie vorher kaputt - also beizeiten vorsorgen.
 
Wie man den ganzen Quatsch dann wieder zusammenbaut, um mit der Kiste in den Weiten der irakischen Prärie zu verschwinden, zeigt die nächste Folge.