Wellen-Zauber

Antriebswelle ausbauen / einbauen

Wellen-Zauber

# 38 | 25.09.2014 | JEM

Wenn die Achsmanschetten beim Kadett (und Astra) hinüber sind, schreit das nach schneller Reparatur, bevor Schnotter ins Gelenk eindringt. Leider muss die Welle dazu raus.

1Die Antriebswelle an sich

Wie bei fast allen Fronttrieblern wird auch bei Opels Kadett das Drehmoment des Getriebes mit Hilfe von zwei Antriebswellen auf die Vorderräder übertragen. Diese beiden Gelenkwellen besitzen je ein inneres und ein äußeres Ausgleichgelenk, die sich vor allem in ihrem Beugungswinkel unterscheiden. Das innere Gelenk übernimmt noch dazu den Längenausgleich der Welle. Beides ist unerlässlich, weil die Räder des Wagens während der Fahrt (oder auch in der Garageneinfahrt) einfedern. Und schließlich soll man das Auto auch lenken können.
 
Die Kräfte, die bei eingeschlagenen Vorderrädern auf diese Ausgleichgelenke wirken, sind schlechterdings mörderisch. Die Gelenke sind deshalb mit einer Fertigungstoleranz von wenigen tausendstel Millimetern zusammengesetzt und müssen unter allen Umständen gefettet sein. Damit das lebensnotwendige Fett drin und alle Unbilden des norddeutschen Tiefebene draußen bleiben, sitzt an beiden Ausgleichgelenken eine Achsmanschette, die immer und immer heile sein muss.
 
Wenn dieser Gummibalg rissig ist und die ersten Sandkörner ihr Zerstörungswerk in der Feinmechanik begonnen haben, knirselt es erst bei starkem Lenkeinschlag auf dem Garagenhof und später auch bei Geradeausfahrt. Solche Gelenke sind definitiv schrottreif. Austauschen sollte man diese preisgünstigen Gummiteile, sobald sich erste Risse zeigen und allerspätestens, wenn Fett austritt.
 
In unserem Artikel zeigen wir den Austausch der Antriebswellen-Manschetten an einem betagten Kadett Caravan, beim Opel Astra und Corsa geht die Arbeit im Prinzip genauso. Wenn das Ausgleichgelenk schon deutlich knirselt, nutzt auch eine neue Manschette nix mehr - hier muss ein neues Gelenk her. Davor steht aber eines: der Ausbau der Antriebswelle

2Reparatursatz / neue Welle

Wo man sich zur Reparatur die Flossen schmutzig und das Hemd dreckig macht, ist mehr oder wenig gleichgültig. Wir haben uns den betagten Kadett auf eine Hebebühne geholt und uns die Arbeit schön leicht gemacht, auch wenn leider keine jungen Damen belebende Getränke dazu reichten.
 
Die Antriebswellen kann man allerdings auch am Bordstein ausbauen, wenn man das unbedingt will. Wer es richtig hart liebt, bestellt dazu noch Schneetreiben und einen Gully, in dem wichtige Werkzeuge klöternd verschwinden. Etwas Sauberkeit ist allerdings nötig und eine ebene Stellfläche für das Auto Bedingung.
 
Um die Welle schließlich zu zerlegen, benötigt man allerdings mehr als den Gehweg - ein Schraubstock (an einer Werkbank) ist wegen der vertrackten Konstruktion des Ausgleichgelenks nahezu eine Bedingung. Je nach Schadensbild ist die Einkaufsliste unterschiedlich: knirselte und bröselte es schon auf dem Garagenhof, haben Dreck und Kehricht schon ihr Unwesen im äußeren Ausgleichgelenk getrieben.
 
Diese Gelenke gibt es für 30-50 Euronen vom China-Importör oder für einen Preis, den man lieber gar nicht wissen möchte, von Opel. Bei einer kaputten Gelenkwelle ist deshalb häufig der Schrotti des Schraubers bester Freund. Bei ihm kostet eine komplette Welle (mit zwei Gelenken) und ein aufmunterndes Schulterklopfen 30 Euro.
 
Ist allerdings nur die Achsmanschette porös und das Gelenk aber noch in Ordnung, kommt man am günstigsten davon: Reparatursätze sind für unter 10 Taler beim Höker des Vertrauens zu haben. In so einem Reparatursatz sind dann neben der Manschette noch das zugehörige Fett, ein diabolischer Federring und zwei Klemmschellen enthalten.

3Zentralmutter lösen, Rad abnehmen

Die Antriebswelle hat am äußeren Ausgleichgelenk eine Verzahnung, die das Drehmoment der Welle auf das Radlager überträgt. Damit die Welle ihren Platz im Radlager behält, ist sie mit einer dicken Kronenmutter, der Zentralmutter gesichert. Und damit diese Zentralmutter nicht von spielenden Kindern mit scharfkantigen Gameboys mutwillig gelöst wird, hat Opel dieser Mutter noch einen Splint spendiert. Als allererstes muss deshalb dieser Splint raus - was in diesem Fall zweieinhalb Wochen gedauert hat. Diese Dinger sind üblicherweise arg korrodiert und müssen mit Durchtreiber und Wasserpumpenzange weichgeklopft werden.
 
Die Zentralmutter sitzt meist ebenso fest und lässt sich nur mit guter, roher Gewalt von ihrem Platz bewegen. Dazu den ersten Gang einlegen und die Handbremse anziehen. Jetzt mit einem Ringschlüssel und Verlängerung oder mit einer Stecknuss an einem gehörigen Knebel auf diese Mutter einwirken. Anschließend die Mutter losdrehen und an einem sicheren Ort aufbewahren. Ist die Mutter ab, die vier Radschrauben lösen, nicht herausdrehen.
 
Um das untere Traggelenk zu lösen und die Antriebswelle auszubauen, muss der Kadett hoch - wenigstens 20 Zentimeter. Dazu entweder den richtigen Knopf an der Hebebühne drücken oder einen Wagenheber bemühen. Der Wagen muss in angehobener Position mit Böcken, Gehwegplatten, Holzklötzen oder Backsteinen gegen Wegrutschen gesichert werden. Rutscht einem die Fuhre auf die Flossen (oder die Unterlippe), weil der Wagenheber nachgibt, kommt man nämlich nicht mehr ans Handy, um die Mutter anzurufen, dass es später wird. Ist das teure Gefährt in schwindelnder Höhe angekommen und umkippsicher arretiert, muss das Rad ab.
 
Aller übrige Schaden wird jetzt offenbar und wenn man Glück hat, ist noch ein wenig Luft auf dem Fahrrad, um noch einmal zum Teilehöker zu fahren um einen kompletten Satz Bremsenteile zu erstehen. Anschließend die Zentralmutter herunterdrehen.

4Querlenker lösen

Das gesamte Federbein hängt an drei Punkten. Der obere dieser Punkte ist das Domlager - hier muss man nur ran, wenn das ganze Federbein raus soll. Der zweite Punkt ist die Lenkung. Weil die Familienschüssel schließlich auch um die Kurve soll, wird das Gekurbel der Lenksäule via Spurstange auf die Radlagergehäuse geleitet. Die dritte und wichtigste Ecke ist das untere Traggelenk. Das verbindet den Querlenker und das Radlagergehäuse.
Um dieses untere Traggelenk dreht sich das gesamte Federbein - Für die Demontage der Antriebswelle muss das Federbein wenigstens hier ausgehängt werden. Reicht die Bewegungsfreiheit dann nicht aus, muss auch die Spurstange ausgehängt werden.
 
Damit das untere Traggelenk an seinem Platz bleibt, ist das neuralgische Teil anständig gesichert. In der Mutter des Traggelenks steckt ein Federstecker, der möglicherweise tüchtig festgegammelt ist. Ein kleiner Schluck Caramba wirkt hier Wunder. Diesen Federstecker herausziehen und die Mutter losdrehen.
 
Wenn die Mutter runter ist, kann das Traggelenk aus seinem Kegelsitz. KANN. Üblicherweise haben Bewegungsmangel, Tausalz und Langeweile den Kegel bombenfest in seinem Sitz verankert. Das Mittel der Wahl ist der "Kugelgelenkabdrücker". Mit so einem Teil lassen sich eben diese Gelenke unter für sie unerträglichen Druck setzen: in diesem Abu Ghreib der Hebelgesetze gibt alles klein bei

5Antriebswelle ausbauen

Wenn das Federbein friedlich am Domlager bommelt, kann die Antriebswelle raus. Falls die Spurstange noch zu sehr stört, muss hier ebenfalls das Kugelgelenk ab. Das geht wie beim unteren Traggelenk, allerdings lässt sich dieses widerspenstige Teil leichter erreichen.
 
Die Antriebswelle ist in das Getriebe schlicht eingesteckt und darin mit einem Federring arretiert. Um die Welle herauszukriegen, muss am inneren Flansch gezogen werden. Nicht an der Welle selbst - hier ruppt man lediglich das innere Gelenk auseinander, während der Flansch auf seinem Platz bleibt.
Für den Ausbau der Welle benötigt man deshalb einen simplen Flachmeißel und einen Hammer. Mit diesen Spezialinstrumenten lassen sich der Flansch und das Getriebegehäuse wunderbar auseinanderkeilen.
 
Das Getriebe bleibt meist wo es ist - die Antriebswelle weicht. Weichen tut auch ein kleiner Schluck Getriebeöl aus dem Ausgleichgetriebe. Der schlaue Mann hat vor dem Einsatz von Hammer und Meißel eine Auffangwanne für das Öl herbeigeschafft und schiebt sie lässig mit einem Fuß unter das Getriebe, während er die heilige Welle aus Getriebe und Radlagergehäuse fummelt. Oh! Ah! Die Welle ist raus.

6Ausgleichgelenk zerlegen

Auch wenn man die Antriebswelle vielleicht am Bordstein ausgebaut hat, so sollte man für die weitere Arbeit an einer Werkbank mit Schraubstock machen. Die Mechanik des Gelenks ist nämlich empfindlich und außerdem mit einer handvoll alter Schmierpampe gefüllt. Hässlich, wenn man dieses Zeug erst auf die Gehwegplatten kleistert und dann unachtsam am ganzen Körper verteilt. Hier im Bild klemmt die Welle im Schraubstock und wartet auf zarte Mechanikerhände.
 
Das Herunterklamüsern des alten Gummibalgs ist nicht weiter schwer: die beiden Klemmschellen mit einer Zange abknibbeln und die Achsmanschette mit einem Seitenschneider so zerschnippeln, dass Mann und Werkbank halbwegs sauber bleiben. Das alte Fett abwischen. Um eine neue Manschette über die Welle zu kriegen, muss zuerst das Ausgleichgelenk von der Welle runter.
 
Die Konstrukteure von Opel haben viel Zeit aufgewendet, um diesen simplen Arbeitsschritt zu einem Geduldsspiel für starke Nerven zu machen. Wer weiß, ob es nicht eine Spezial-Herunterpopel-Zange für Ausgleichgelenke gibt. Vermutlich ja. Ohne so ein Werkzeug macht diese Bauart jedoch auch besonnene Leute raschelig. Das Grundprinzip ist nämlich gleichsam einfach wie diabolisch und besteht aus einem Federring, der in Außennut im Gelenk sitzt. Dieses Ding muss auseinandergedrückt werden, während man gleichzeitig das Gelenk herunterschlägt. Ganz simpel!
 
Wer nicht über 3 oder 4 Arme verfügt, behilft sich mit viel Licht (um den Winzling überhaupt zu sehen), einer sehr scharfen, spitzen und neuen Radiozange, einem Schraubenzieher und zwei tüchtigen Schluck Danziger Goldwasser - dann sollte es gehen. Das Gelenk anschließend fein saubermachen, jedoch nicht zu weit beugen, weil die Wälzkörper sonst auf die Werkbank purzeln

7Neue Achsmanschette

Wenn das Gelenk des Doctor Caligari erstmal auf der Werkbank liegt, ist das Gröbste geschafft. Für ein langes Leben und langes Lenken gilt auch beim neuen Gelenk: viel hilft viel. Das Fett aus dem kleinen Plasteschlauch soll und muss komplett ins Ausgleichgelenk. Einen Teil davon in die Bohrung der Welle drücken, den Rest später in die Manschette.
 
Das neue Gummiteil über die Welle ziehen und anschließend das Ausgleichgelenk hinterherkloppen. Damit einem beim nächsten Zerlegen nicht der Spaß vergeht, ist beim Reparatursatz natürlich auch ein neuer Sicherungs-Sprengring dabei: Den appliziert man vorher in das Gelenk und klöppelt dann.
 
Wenn das Gelenk richtig sitzt, muss die Manschette so ausgerichtet werden, dass sie auch beim ärgsten Beugen nicht zu stramm sitzt. Üblicherweise sitzt das Ding in der Originalposition sehr brauchbar. Zu guter Letzt müssen noch die beiden Klemmschellen an ihren Platz und verlangen nach artgerechter Spannung.
Das geht am besten mit einem simplen, kleinen Schlitzschraubenzieher und einer Rabitz-Zange. Mit dem Schraubenzieher angelt man durch das vorletzte Loch - das ist das Loch, mit dem die Schelle eben zu stramm säße und spannt das Blechteil vor. Anschließend die Blechlasche mit der Rabitzzange soweit zusammendrücken, bis sich die Schelle auf der Manschette nicht mehr von Hand verdrehen lässt. Jetzt ist das Ding fertig zum Einbau.

8Antriebswelle einbauen

Der Einbau - hach - funktioniert im Prinzip genauso wie der Ausbau, bloß andersherum. Die Welle mit einem beherzten Ruck oder Schlag in ihre Bohrung im Getriebe schlagen, dabei aber darauf achten, dass der Wellendichtring nicht beschädigt wird. Anschließend alle Teile des Radlagergehäuses wieder anschließen. Die Muttern des unteren Querlenkers mit dem Federstecker sichern.
 
Eine schöne Tücke ist "der mitdrehende Konus". An sich eine tolle Sache, sind Konusverbindungen mit Gewinde eine Pein, wenn das Gewinde nicht völlig leichtgängig ist und der Konus nicht fasst. Beim Kugelgelenk der Spurstange tut er das natürlich auf den beiden letzten Gewindegängen.
Erst hier dreht der vermaledeite Konus mit. Vorbeugend wirkt ein klinisch sauberes und leicht geöltes Gewinde, auf das sich die Mutter gut aufdrehen lässt, leichte Schläge mit dem Schonhammer, um den Konus im Sitz zu halten oder ein wenig Schleifpaste im Konus-Sitz, um Reibung herzustellen. Wenn diese Klippe umschifft ist, darf man mit gutem Gewissen in die Hände klatschen und schon mal an die heiße Badewanne denken.
 
Die Zentralmutter der Antriebswelle ist dann die letzte Hürde - vorher das Rad montieren, den Wagen soweit absenken, dass das Rad auf dem Boden aufsteht und dann mit Schmackes die neue Mutter festziehen.Opel schreibt hier 100Nm und noch einmal 90° hinterher vor.
Neuen Splint einsetzen. Anschließen noch eine kurze Kontrolle, ob man nix vergessen hat und Schraubverbindungen fest sitzen. Alles ok? Dann: Schlüssel drehen und wie ein Geisteskranker auf dem Garagenhof im Kreis fahren. Wenns nicht knirselt und butterweich fährt und lenkt und bremst: Gut gemacht und hoch die Tassen!