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Motorrad-Vergaser: Einstellen und Probe fahren

Dieser Beitrag ist Teil der Serie
Lehrgang Motorradvergaser:

1. Was macht die Gasfabrik?
Geschichte und Funktion

2. Überlaufen verboten
Schwimmerkammer, Schwimmer, Schwimmerventil

3. Drei Vergaser in eins
Leerlauf, Teil- und Volllast

4. Helferlein mit lauen Lüften
Startvergaser und Bremsluft

5. Sauber eingebaut und gut gemischt
Lambda, Vergaserflansch und Einstellung

6. Einstellen und Fahren
Leerlauf, Synchronisation und Fahrtest

Für die Überlassung dieses Artikels aus der GummikuH bedanken wir uns ganz herzlich beim Verleger Rainer Baues.

"Gummikuh & past perfect" war ein hervorragendes, unabhängiges Klassiker-Magazin der 90er Jahre, dass sich vorwiegend mit der Technik an Motorrad-Oldies beschäftigte.

Rainer hat noch nahezu alle Ausgaben der Gummikuh im Regal, bei Interesse bitte einfach eine kurze Email an bauesverlag@freenet.de.

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Motorrad-Vergaser: Grundkurs, sechster und letzter Teil

Einstellen und Fahren

Leerlauf, Synchronisation und Fahrtest

24.11.2006 | Autor: Ames

Klemmt der überholte Vergaser am Bock, muss der Gaszug eingestellt und die ganze Gasfabrik sauber justiert werden. Das geht nicht "mal eben" - vielmehr sind etliche Probefahrten nötig.

Inhalt

1. Gasschieber synchronisieren
2. Motor zum Leben erwecken
3. Leerlaufeinstellung
4. Fahrtest

5. Leerlaufgemisch einstellen
6. Einstellung der Schiebernadel
7. Hauptdüsenwahl
Kommentare: 2

1. Gasschieber synchronisieren Top

Jetzt müssen die Gaszüge bzw. die Schieber synchron eingestellt werden. Dazu wende ich einen Trick an, der mir die Anschaffung eines Synchro-Testers erspart. Jeweils eine lange Stricknadel wird mit ihrer Spitze unter den Gasschieber (Luftfilter natürlich abgenommen) geklemmt. Wenn jetzt am Gas leicht gedreht wird, müssen sich beide Nadeln gleichzeitig bewegen. Funktioniert das nicht, kann man die gleichzeitige Öffnung der Gasschieber an den Hohlschrauben am Gaszug regulieren. Das Spiel derGaszüge stelltman, wie schon links beschrieben, ein.

Bei Gleichdruckvergasern an Mehrzylindermaschinen wird genauso verfahren. Hier, werden statt der Schieber-, die Droselklappen-Anschlagschrauben eingestellt. Die Synchronisation kann trotzdem mit den zwei Stricknadeln vorgenommen werden.

2. Motor zum Leben erwecken Top

Alles am Motor, Zündung, Ventile, Öl (wichtig!), ist eingeregelt. Jetzt kann er zum Leben erweckt werden. Läuft er und hat ein bißchen Betriebstemperatur erreicht, wird der Leerlauf (Standgas) mit der Schieberanschlagschraube (gilt nicht für manche MZs, die haben nämlich keine) eingestellt. Motor abstellen und die Gaszughohlschraube am Vergaser-Schieberdeckel (falls nicht vorhanden, dann am Gasdrehgriff) hineindrehen und wieder soweit herausdrehen, bis sich die Hülle des Bowdenzugs 3 bis 5 mm hin- und herbewegen läßt. Hohlschraube kontern, den Lenker einschlagen und prüfen, ob der Gaszug nicht zu kurz ist, da sonst die Gefahr der "selbsttätigen Beschleunigung in Kurven" besteht.

3. Leerlaufeinstellung Top

Bei Zweizylindermotoren, auf Gleichdruckvergaser komme ich später, bedient jeder Vergaser einen Zylinder. Bei einer Guzzi ziehe ich erst den rechten Kerzenstecker ab und stelle eine bestimmte Drehzahl für den linken Zylinder ein (Läuft der Motor nicht auf einem Pott, dann die Kerze des nicht angeschlossenen Zylinders herausdrehen). Mit dem rechten Zylinder verfahre ich umgekehrt. Wenn ich anschließend beide Zylinder angeschlossen habe, läuft der Motor zu schnell. Ich drehe jetzt beide Schieberanschlagschrauben um die gleiche Umdrehungszahl zurück, bis die Leerlaufdrehzahl richtig ist.

4. Fahrtest Top

Die weiteren Einstellarbeiten werden auf einem ca. 1 Kilometer langen Landstraßenstück vorgenommen. Ideal wäre auch eine kleine Steigung und markante Punkte (Straßenschilder, Kilometersteine o.ä.) auf unserer "Teststrecke". Mit Werkzeug und zwei weiteren Hauptdüsen pro Vergaser (serienmäßig und eingebaut ist eine 110er, dann 105 und 115 einpacken) ausgerüstet, machen wir uns an die Einstellung des Leerlaufluftgemisches.

Diese Einstellung beeinflußt nicht nur das Leerlaufgemisch, sondern auch die Gemischbildung bis zu 25% der Gasgriffdrehung. Damit dieser wichtige Bereich, in ihm wird wohl am meisten gefahren, während der Fahrt eingehalten wird, kann man den Drehgriff und die am Lenker feststehende Grifflagerung mit Farbklecksen (1/4 und 3/4 Umdrehung) markieren.

Für die nachfolgenden Testfahrten muß der Motor warmgefahren werden; nicht im Stand warmlaufen lassen! Warum? Erstens dauert es länger, bis alles aufgewärmt, da im unbelasteten Zustand die Verbrennungstemperatur niedriger ist.

Zweitens wird durch die niedrigere Temperatur der Schwefel im Kraftstoff und in der Luft nicht vollständig verbrannt. Es bildet sich in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit schwefelige Säure, die jedes Stück Metall anknabber

5. Leerlaufgemisch einstellen Top

Die Teststrecke wird mit einer lockeren und unverkrampften Sitzhaltung abgefahren und die Reaktionen der Maschine werden im wahrsten Sinne des Wortes "erfahren".

Die Leerlaufluft- oder die Leerlauf eg mischregulierschraube wird eine viertel Umdrehung hinein oder heraus gedreht, die Teststrecke mit 1/4 Gas erneut abfahren und abchecken, wie die Geschwindigkeit an markanten Punkten ist. Ich vergaß zu erwähnen, daß der Wind erheblichen Einfluß auf die Beschleunigung, die Endgeschwindigkeit und auf das eigene Empfinden hat. Tests deshalb möglichst bei Windstille durchführen.

Bei der Einstellerei müssen sich merkliche Veränderungen in Bezug auf die Endgeschwindigkeit und die Beschleunigung ergeben. Ideal istdie Einstellung mit der höchsten Leistungsabgabe. Ratsam ist es aber, nach den Testfahrten die Gemischbildung etwas fetter zu stellen (Leerlaufgemischschraube 1/4 Umdrehung heraus, Leerlaufluftregulierschraube 1/4 Umdrehung hinein).

Unter Umständen hat sich jetzt das Standgas verändert. Jetzt kann es aber genauer eingestellt werden,'da der Motor exakter reagiert. Tut sich nicht viel, außer daß einen das Gefühl beschleicht "da passiert überhaupt nix", so ist der Vergaser völlig daneben oder er zieht "falsche Luft".

6. Einstellung der Schiebernadel Top

Die zweite Phase unseres Tests gilt der Stellung der Schiebernadel. Sie ist verantwortlich für die Gemischzusammensetzung im Bereich von 1/4 bis 3/4 der Schieberöffnung. Teststrecke mit der vorgeschriebenen Nadelstellung und 3/4 Gas abfahren, umhängen, prüfen usw. usw., bis die optimale Stellung gefunden ist.

Weitere Möglichkeiten der Düsennadeleinstellung und der Beeinflußung der Gemischbildung sind durch die Hersteller gegeben. Amal hatte vier verschiedene Schieber mit anderen Ausschnitten im Programm. Bing lieferte drei verschiedene Mischkammereinsätze. Doch diese Teile brauchen wohl kaum ausgetauscht zu werden.

Ist die Nadel in ihrer besten Position, so ergeben sich "sahnemäßige" Übergänge zwischen dem ersten und zweiten Bereich. Der Motor wird ohne zu haken sehr gut beschleunigen.

7. Hauptdüsenwahl Top

Um die letzten 25% bis Vollgas kümmert sich die Hauptdüse. Mehr macht die nicht! Die optimale Größe wird wieder durch fahren, Vollgasstellung, ermittelt. Das optimales Testergebnis bescheinigt die ausgebaute Zündkerze mit ihrem rehbraunen Kerzengesicht.

Zum Schluß sei nocheinmal gesagt, daß die drei Systeme (Leerlaufgemisch, Düsennadel und Hauptdüse) nicht isoliert zu betrachten sind, sondern sich gegenseitig beeinflußen. Sollte also bei einem System im Laufe des Test eine besonders große Veränderung erforderlich sein, so müssen die anderen beiden neu getestet werden. Diese Methode der Vergasereinstellung ist sicher die aufwendigste, die es gibt, aber sie ist auch die zuverlässigste.

Kommentare Top

30.11.2006 | tom

Wie beim alten Hertweck!

03.04.2007 | H. Blumenschein

Bei der Guzzi mit digitaler Zündung sollte man den Kerzenstecker laut Bordbuch auf keinem Fall abziehen, da sonst die Elektronik schaden nimmt.

Zum Artikel vom 16.11.2006
Sauber eingebaut und gut gemischt - Motorrad-Vergaser: richtig einbauen und einstellen

Zum Artikel vom 08.12.2006
Reibjagd auf das Hundertstel - Reiben mit Reibahlen