Kisten und Kästen

Werkstatt-Mobiliar

Kisten und Kästen

# 222 | 28.12.2016 | JEM

Die Werkstatt lebt nicht von Licht und Werkbank allein - diese Folge der Reihe zeigt, wozu Regale, Schränke und Schubladen taugen.

1Nur die Deko

Während es in den beiden vorigen Folgen um die harte Materie (also die Werkbank) ging, behandelt diese Folge das Werkstatt-drumrum. Also Sitzenten aus Messing, Emaille-Schilder mit historischer Bierreklame und LED-Lichterketten in Santaklaus-Form.
 
Nunja - das hängen sich einige Leute wirklich in den Schrauberkobel. Wichtiger jedoch das, worin man Werkzeug und Schrauben und Ersatzteile und Öl und Splinte und Wagenheber und was weißichnochalles aufhebt.
Denn selbstverständlich eignen sich Joghurtbecher, Marmeladengläser oder Zigarrenschachteln, um darin Unterlegscheiben zu bunkern oder Sprengringe zu sortieren.
 
Allerdings sind Stapelkisten, ABS-Schubladeneinsätze oder wuchtige Holzkisten von der Bundeswehr deutlich unempfindlicher, wenn eine Ladung Kupferdichtringe, Schmiernippel oder Ermeto-Verschraubungen ungeplant zu Boden geht.
 
Und natürlich kann man die in Kisten sortierten Preziosen auch in einem Billy-Regal oder einer ausrangierten Eiche-Rustikal-Schrankwand verstauen, für die man sogar noch Geld bekommt, wenn man sie im Rentnerbunker auf Station abbaut. „Gut“ ist auch hier allerdings was anderes.

2Werkstatt-Regale

Das Regal an sich ist quasi die Fortsetzung des Tischs - nur eben mit mehr Böden, auf die man den gesammelten Plunder hauen kann, um ihn irgendwann doch wegzuwerfen. Und weil der Autoschrauber in seiner Werkstatt nur selten mit Schaumstoff hantiert, muss so ein Regal auch ordentlich Gewicht abkönnen:
Gute Regale sind deswegen zwangsläufig Schwerlastregale, wie hier im Bild zu sehen. Deren Stahlblechböden halten sagenhafte 200 Kilo aus - mehr als genug, um einen kompletten Toyota Hilux an die Wand zu stopfen (wenn man ihn kleinsägt) oder die Chrysler-Kurbelwellen-Sammlung sicher zu verstauen.
 
Markenware kommt z.B. von Schäfer, RBB oder Mauser. Sie unterscheiden sich von „Schwerlastregalen“ aus dem Baumarkt durch eine prinzipiell solidere Verarbeitung, kosten aber erheblich mehr - ein einziges Feld mit 5 Böden und 200 Kilo Traglast pro Boden ist neu selten unter 300 Euro zu haben.
Gebraucht bekommt man solche Industrieware (wenn überhaupt) nur mit Glück für die Hälfte dieses Preises. Das hat sich jedoch spätestens dann bezahlt gemacht, wenn die Enkel im Jahr 2043 die Werkstatt übernehmen und das Mobiliar immer noch einsatzfähig ist.
 
Nachteil aller Regale ist die Tatsache, dass ihre Böden samt Inhalt schnell einstauben. Dieses Übel lässt sich vermeiden, indem man schlicht keinen Staub produziert oder einen Vorhang vor das Regal zieht oder statt Regal einen Schrank aufstellt.
 
Muss erwähnen werden, dass so ein Regal immer und immer an der Wand festgedübelt sein muss? Auch wenn es kurios klingt: Unter umgekippten, schweren Regalen kommen pro Jahr in Deutschland ein paar Leute zu Tode. Im Gegensatz zum Hochvolt-Stromschlag am Batterieauto oder einer herzhaften Acetylen-Detonation ein wunderschön qualvoller Tod, der auch altgedienten Bestattern ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

3Der Werkstatt-Schrank

Wenn das Regal die Fortsetzung des Tischs darstellt, so ist der Stahlschrank die Steigerung des Regals.
 
Solche Stahlschränke sind in aller Regel nicht so tief wie ein Regal und auch selten in der Schwerlast-Variante verfügbar. Sie eignen sich allerdings prima, um feinere Sachen hinter der Tür zu verstecken:
Bügelmesschrauben, Innentaster, elektrische Messgeräte oder die fein säuberlich in ölige Lappen gewickelten Verstell-Reibahlen. Alles, was weder Staub noch Erschütterungen verträgt, gehört in den Schrank.
 
Auch wenn es Zeit kostet, verlorene Schlüssel für solche Möbel nachzubauen, so hat der Schrank gegenüber dem Regal noch den unschätzbaren Vorteil der Verschließbarkeit - damit bleiben klebrige, fremde Flossen draußen und Bohrer drinnen scharf, Schraubenzieher heile und alle Zangen an ihrem Platz.
 
Wer Platz, Geduld für die Kleinanzeigen-Stöberei und etwas Geld hat, kauft deswegen Schränke. Nebenher kann man da mit kleinen Magneten auch die ausgedruckten Sprengzeichnungen der Werkbank dranbappen oder auch dekorative, historische Bierreklame aufhängen.
Wer zwischen Schubladen-Schrank und normalem Schrank-Schrank entscheiden kann, entscheide sich im Zweifel nicht zu früh für den Schubladen-Kollegen.

4Schubladen-Schränke

Prinzipiell sind Schubladen-Schränke nämlich eine ganz feine Sache, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Ihr gesamter Inhalt (und besonders der in der gerade betätigten Lade) ruckelt und schuckelt ständig durcheinander.
Das nervt nicht nur, wenn man keine bombenfest sitzenden Einlegekistchen hat, sondern malträtiert auch den Inhalt - z.B. Schneiden von Reibahlen oder Fräsern. Trotzdem sollte man solche Möbel keineswegs von der Bordkante in den Wald werfen, wenn man sie irgendwie zu fassen bekommt, sondern immer laut „Nehm ich!“ rufen.
 
Gute Schubladen-Schränke unterscheiden sich in drei Punkten von billigen Exemplaren: Neben dem Preis sind das der "Vollauszug" und die hohe Tragkraft jeder einzelnen Schublade.
Die meisten Schubladen eines solchen Deluxe-Schranks lassen sich mit 75 Kilo Schrauben, Muttern oder Zinnsoldaten vollwerfen und immer noch mit dem kleinen Finger rein- und rausschieben; Schwerlast-Laden sind sogar bis 350 Kilo erhältlich.
 
Vollauszug bedeutet (z.B. im Gegensatz zur Volkswerkbank), dass die Schublade in Wälzlagern läuft und KOMPLETT herausgezogen werden kann.
Dass einem der Schrank auf die Badelatschen kippt, wenn die randvolle, oberste Schublade des ansonsten leeren Schranks mit der Zinnsoldatensammlung herausfährt, versteht sich von selbst.
 
Neben einer korrekten Lastverteilung sollten Regale und Schränke deswegen festgezurrt oder -gedübelt sein.
Das liebliche Crescendo eines umstürzenden Schwerlast-Regals oder stehkragenvollen Schubladenschranks vergisst niemand; für den ungetrübten Genuss sollte man jedoch peinlich darauf achten, dass es nicht das eigene ist.

5Stapelkisten

Weil Muttern, Schrauben, Splinte, Scheiben, Schmiernippel, Sprengringe oder Schraubenschlüssel nur selten lose und einzeln im frisch erworbenen Regal liegen, existieren seit dem Untergang von Karthago Stapelkisten.
 
Neben zahlreichen weiteren Aufbewahrungssystemen sind solche Blech- oder Plastekisten das Mittel der Wahl, um schwere und schwerste Teile fein säuberlich in irgendein Regal zu legen.
Die hier gezeigten "Schäfer-" oder "Mauser-" Kästen sind im Hinblick auf die Größe zueinander kompatibel und werden in der Tat mindestens seit 60 Jahren unverändert gebaut. Sie haben sich wie Opas 20 Liter-Wehrmachtskanister zu einem Quasi-Standard entwickelt und sind de facto unzerstörbar. Besonders schön: Alle Größen lassen sich ineinander stapeln.
 
Kisten und Kästen dürfen -inbesondere bei Schüttgut mit hohem Gewicht- gerne aus stabilem Kunststoff oder Metall sein. Allerdings haben Stapelkisten ebenfalls ihren Preis; der reicht von zwei bis drei Euro für kleinste Größen bis zu 15 Euro für große Stahlblech-Kästen der Größe 2.
Diese Kisten halten jedoch auch 50 Kilo Schrauben spielend aus, lassen sich aber nur dann in höhergelegene Regalböden schieben, wenn man seinen Spinat artig aufgefuttert hat.
 
Bei Betriebsauflösungen fliegen solche Dinger häufig in den Container - auch hier laut vernehmlich die Stimme erheben und überschüssige Ware im Zweifel anschließend weiterverkaufen. Einmal Stapelkiste-immer Stapelkiste!

Wie man sich aus Schäferkisten und Unterlegscheiben einen originalgetreuen Porsche 356 zusammenleimt (und wie es mit der Werkbank weitergeht), zeigt die nächste Folge.