Dellenzauber

Auto lackieren #4

Dellenzauber

# 190 | 21.03.2016 | JEM

Unebenheiten gleicht man mit Spachtelmasse aus. Damit der Kunststoff aber richtig pappt, muss er sauber verarbeitet werden.

1Was womit spachteln?

Am Auto spachteln - Wer denkt da nicht an böse Buben, die eine marode Grotte mit quadratmetergroßen Glasfasermatten und kiloweise Spachtel in einen "Garagenwagen" verwandlen und ihn an unbedarfte Zeitgenossen als neuwertig verkaufen?
 
Das kann man mit Spachtelmasse in der Tat machen. In dieser Folge soll uns allerdings die korrekte Verarbeitung von Spachtelmasse beschäftigen.
In den allermeisten Fällen ist das Zeug nämlich eine unabdingbare Voraussetzung für eine einwandfreie Lackierung.
Mit Spachtel lassen sich neben den sichtbaren Verbesserungen der Oberfläche auch konstruktive Aufgaben bewältigen. Mit der ersten, dicksten und von den bösen Buben benutzten Form des Spachtels, dem Glasfaserspachtel, kann man Löcher stopfen.
Das ist dann angebracht, wenn man den Parkrempler in der 500-Euro-Stoßstange kleben will oder ein Rostloch in der Tür des Kadett reparieren möchte, weil der eh binnen Jahresfrist in die Presse wandert.
 
Wie fast alle anderen Spachtel stammt diese Spachtelmasse aus der Familie der Polyesterspachtel. Neben dem flüssigen Polyesterharz, in das man die Glasfasermatten einlegt, um die Stoßstange oder das Loch in der Tür zu bandagieren, gibt es noch glasfaserverstärkte Spachtelmasse.
Diese dickflüssige Tunke ist mit Fasern versetzt, die dem Zeug eine erhebliche mechanische Festigkeit verleihen, um Blechverwerfungen von bis 10mm zu glätten.
 
In dieser Folge beschäftigen wir uns mit Füll- und Feinspachtel. Beide gehören wie der Faserspachtel zur Gruppe der 2-Komponenten-Polyesterspachtel.
Fotomodell ist wieder der SL, der neben den Steinschlagschäden am Kotflügel und der Schramme auf dem Kofferraumdeckel auch noch eine malerische Delle in der Heckklappe abbekommen hat. Diese Delle wird zugespachtelt und anschließend (in einer der nächsten Folgen) gefüllert und lackiert.
 
Neben den Spachteln auf Polyesterbasis existiert noch Nitrokombi (NC-)-spachtel. Im Gegensatz zum Polyesterspachtel ist dieser Spachtel ein EINkomponentenspachtel, der ohne Härter auskommt.
Das ist fein, bedeutet aber, dass man ihn auch nur sehr dünn auftragen kann, damit er durchhärtet. Daneben gibt es noch spritzbare Spachtel, die uns hier nicht weiter interessieren.

2Füllspachtel / Feinspachtel

Polyesterspachtel kommt in verschiedenen Darreichungsformen für verschiedene Zwecke zum Verkauf. Die gängigste Gebindegröße ist der 2-Kilopott, bei dem eine Tube Härter dabei ist.
Im Handel gibt´s durchaus auch kleinere Dosen, allerdings verschätzt man sich oft gehörig in der Menge, die eine ach so kleine Delle schluckt und ist deshalb mit einer großen Büchse besser bedient.
Bekannte Hersteller der Giftpampe sind Prestolith, Glasurit, BASF, Auto-FIT. Man frage den Zubehörhändler des Vertrauens. Baumärkte führen meist auch Spachtelmasse. Kann man ebenfalls bedenkenlos kaufen.
 
Obwohl alle chemisch verbrüdert, unterscheiden sich die Spachtelmassen in ihrer Konsistenz und dem Anwendungsfall. Es gibt Füllspachtel und Feinspachtel. Und Messerspachtel und Ziehspachtel. Und den Faserspachtel (siehe oben).
Neben der chemischen Komponente besteht der Spachtel nämlich noch aus Füllstoffen: Die sind beim Füllspachtel gröber, beim Feinspachtel feiner.
 
Füllspachtel hat deshalb nach dem Härten und Durchtrocknen auch eine deutlich grobporigere Oberfläche als Feinspachtel und heißt auch Ziehspachtel.
Man wird eine tiefere Delle also erst mit einem Füll- dann mit einem Feinspachtel behandeln. Feinspachtel ist viel cremiger und nach dem Trocknen und Schleifen auch deutlich feinporiger. Das ist für die anschließende Lackierung durchaus von Vorteil.
 
Dieser cremige Feinspachtel heißt auch Softspachtel oder Messerspachtel. Neben diesen beiden gibt es auch noch Metallic- oder Aluspachtel.
In dieser Pampe besteht das Füllmaterial zu einem größeren Teil aus Alupartikeln. Dieser Spachtel haftet gut und ist leichter als das Standardmaterial.

3Oberfläche aufrauen

Damit die Kleistermasse gut haftet, muss die Oberfläche sauber, fettfrei und leicht angeraut sein. Zudem sollte die Dicke der Spachtelschicht 10mm nicht überschreiten.
Peinlich, wenn man die Wagentür zuknallt und dann ein tellergroßer Plocken Spachtelmasse in den Rinnstein fällt.
 
Tiefe Unebenheiten sollte man also lieber ausbeulen oder durch ein Einschweißblech ersetzen.
Spachtelkunstwerke (auch die Zentimeterdicken) halten, Petrochemie sei dank, erstaunlich lange. Allerdings ist das Gewicht mitunter erheblich und durch ständige Vibrationen wird diese Masse, vielmehr die Kontaktfläche mit dem Blech, dauernd beansprucht. Irgendwann reißt das Zeug dann einfach ab.
 
An unserm SL geht es aber nur um eine wenige Millimeter tiefe Delle. Mit einem Schleifklotz und 120er Papier wird die Stelle um die Delle kreuzweise tüchtig aufgeraut.
Dabei wird die bearbeitete Fläche ruhig ein wenig größer gewählt, weil die Klappe anschließend sowieso komplett lackiert wird. Hat man auch den Grund der Delle schön rau, wischt oder pustet man allen Schleifstaub ab.

4Was womit spachteln?

Neben den in der letzten Folge besprochenen Schleifutensilien und der Spachtelmasse braucht man zum Spachteln natürlich Spachtel.
Diese Dinger heißen "Spachtelmesser". Neben dem Messer mit der starren Klinge, dass man gemeinhin zum Entfernen alter Tapeten nimmt, braucht man in der Werkstatt vor allem die Flächenspachtel.
 
Die heißen auch "Japan-Spachtel" oder Ziehspachtel. Neben den Kunststoffausführungen, die oft als Beigabe im Deckel der Prestolith-Büchse lauern, gibt es auch welche aus Metall.
Die Kunststoffspachtel sind zwar wunderbar flexibel, fransen jedoch an den Kanten leicht aus. Das ist höchst ärgerlich, muss man doch das "Ausgefranste" nachher wieder wegschleifen.
 
Die Metallklingen, vorzugsweise aus Edelstahl, sind in fast allen Fällen erste Wahl. Je nach Größe der Delle nimmt man einen Flächenspachtel, der BREITER ist als die Delle.
Sonst drückt man die Masse zuerst in die Delle rein und anschließend an den Rändern wieder raus.

5Hurtig mischen

Die Spachtelmasse muss (auf dem Etikett nachlesen) mit einer gewissen Menge Härter gemischt werden. In aller Regel sind das zwischen 2 und 4%.
Man kann sich zum Zusammenmischen immer wieder alte Blechstreifen nehmen und die dann als Palette wie einst Van Gogh zum Auto tragen oder gleich zwei breite Ziehspachtel verwenden, um die Pampe darauf anzumischen.
Hat man den Spachtel dann fertig gemischt, dauert es zwischen 5 und 10 Minuten, bis die Masse anfängt, krümelig zu werden. Die Verarbeitungs- oder Tropfzeit von Spachtel ist kurz - zügiges Arbeiten also sehr angesagt.
 
Beim Anmischen von Spachtel kann man eine Menge Fehler machen. Der erste ist dreckiges Werkzeug.
Mit noch so kleinen Resten von hartem, altem Spachtel an der Messerkante zieht man tiefe Rillen in den frischen Spachtel. Das verursacht unschöne Flüche und Verwünschungen, während derer der restliche Spachtel auf dem Messer hart wird.
Zwischen jeder Schicht also Werkzeug saubermachen.
 
Dazu kann man entweder Aceton nehmen (grimmiges Lösemittel) oder die trockenen Brösel mechanisch entfernen.
Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man die Spachtelklingen vor Arbeitsbeginn auf einem Ölstein abziehen oder auf einem Stück Schleifpapier, das man auf eine ebene Fläche spannt, einmal überschleifen.
 
Die Kunststoffspachtel sind jetzt im Vorteil: hartgewordener Spachtel springt einfach ab, wenn man die Dinger heftig biegt und knickt.
Mitunter sind die ersten Brösel auch schon in der Spachtelmasse selbst, wenn man die Büchse aufgemacht hat. Die alleroberste Schicht einer Dose also vorsichtig runterstreichen und wegwerfen.

6Wieviel Härter?

Zweiter großer Fehler ist eine falsche Mischung. Mit zuviel Härter wird die Masse schon auf dem Messer hart und man kann von vorne anfangen.
Mit zu wenig Härter wird die Masse viel langsamer hart oder härtet überhaupt nicht durch. Wenn man nach einer halben Stunde (bei Raumtemperatur) das Kunstwerk, wie gezeigt, mit dem Fingernagel demontieren kann, war zu wenig Härter im Spiel.
Nimmt man geringfügig weniger Härter, kann man die Tropfzeit durchaus ein wenig strecken, doch läuft man immer Gefahr, dass das Zeug nicht durchhärtet - man kann dann alles wieder runterschleifen.
 
Wie mit allen schönen Sachen, die das Leben lebenswert machen, ist es auch mit Spachtelmasse: Sie ist gesundheitsschädlich.
Besonders die kleine Tube mit Härter hat´s in sich. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man sich ein paar Handschuhe anziehen.
Im selben Maße gilt das auch für das fertige Produkt, den ausgehärteten Spachtel. Wenn man den bearbeitet, sollte man zumindest eine einfache Staubmaske tragen.

7Spachtel auftragen

Hat man also die Spachtelmasse zickel-zackel auf den beiden Ziehspachteln gemischt, geht´s hurtig an die Heckklappe:
Mit zwei generösen Strichen wird die Pampe auf dem Blech kreuzweise verteilt. Dabei trägt man einen kleinen Puckel auf dem Blech auf. Diesen Puckel schleift man anschließend wieder runter.
 
Das war´s schon - nun kann man sich dem Abkleben der Heckklappe, einer weiteren Spachtelstelle oder der liegengebliebenen Steuererklärung widmen, denn jetzt muss man einfach warten.
Warten, bis der Spachtel durch den Härter hart geworden ist und sich das Styrol-Lösemittel verdünnisiert hat. Frische Luft ist da nicht verkehrt. Man kann den Vorgang mit milder Wärme auch etwas beschleunigen.
 
Bei Raumtemperatur beträgt die Trockenzeit von Füllspachtel etwa eine halbe bis volle Stunde. Das ist stark von der Schichtdicke und Härtermenge in der Masse abhängig.
Bei niedrigen Temperaturen von +10°Celsius und weniger kann sich diese Zeit leicht verdoppeln oder verdreifachen.
 
Während das Lösemittel verdunstet, schrumpft die Spachtelmasse. Diese Schrumpfung kann bis zu 5% betragen.
Wenn man also mit Eile und Heidewitzka eine Furche mit 10mm Füllspachtel vollstreicht, geht der gehörig zusammen und macht wenigstens eine, meist zwei oder drei weitere Schichten Feinspachtel notwendig.
Durch diese Schrumpfung entstehen natürlich auch Trocknungsrisse in der Spachtelmasse: viele dünne Schichten sind also wieder mal mehr als eine dicke.

8Spachtel schleifen...

Wenn der Spachtel hart ist, kann man zum Schleifklotz greifen und der Masse zu Leibe rücken:
Mit 220er Papier holzt man jetzt alles runter, was außer der Delle noch an Spachtelmasse auf dem Blech steht.
 
Siehe da: Durch die Gewalteinwirkung an der Delle hat sich das Blech der Heckklappe rundum etwas verformt und ist hochgekommen.
Das muss also ein wenig beschliffen und ausgeglichen werden, damit die Oberfläche anschließend makellos ist.
Mit 400er Papier wird die Stelle jetzt noch mal geschliffen, im selben Atemzug wie der gesamte Kofferraumdeckel.

9Und nochmals schleifen.

In der nächsten Spachtelrunde kommt Feinspachtel zum Einsatz. Der wird hauchdünn aufgetragen und über eine große Fläche gezogen.
Dazu eine breite Klinge benutzen und möglichst keinen Pickel aufbauen, wie im oberen Bild angedeutet. Nur noch die echten Rillen und Dellen auffüllen.
 
Diese zweite Schicht ist in diesem Fall auch die letzte - hat man irgendwelche Zweifel an der Oberfläche (wobei die Finger meist mehr "sehen" als die Augen), spachtelt man weiter, bis das Blech richtig superglatt ist.
Diese zweite Runde wird jetzt schon der guten Oberfläche wegen mit 240er trocken und anschließend mit 400er nass angegangen. Kleinste Schleifrillen bleiben hier noch stehen, die werden in der nächsten Folge mit Primer zugedeckt und sind dann im Decklack nicht mehr sichtbar.
 
Diese Spachtelei und das anschließende Schleifen ist eine zeitraubende Angelegenheit. Ist man gezwungen, das in der Mache befindliche Auto zwischenzeitlich zu bewegen und kann erst zwei Wochen später weitermachen, sollte man die gespachtelten Stellen zwischendurch mit Lack konservieren.
Spachtelmasse ist nämlich in Grenzen hygroskopisch und neigt, wenn sie nass wird, zu Unterrostungen.
WAS man dann an Farbe auf die Stelle jaucht, ist mumpe - zur Not tut´s Felgenspray, das ja in der nächsten Spachtelrunde eh wieder runtergeschliffen wird.
 
Nächste Folge: Sprühdosen-Lackierung!