Die Papiere, bitte!

Auto lackieren #3

Die Papiere, bitte!

# 187 | 07.03.2016 | JEM

Keine ordentlich Lackierung ohne vorheriges Schleifen, Schleifen, Schleifen. Das kann man von Hand oder mit der Maschine tun.

1Schleifen von Hand

In der Lackierbude geht die allermeiste Zeit für Vorarbeiten drauf. Mit Ausbeulen, Abkleben oder Schleifen. Nur vielleicht 10% der Zeit werden wirklich für das Spritzen von Grundierung oder Lack aufgewendet.
Wir hatten das schon mit dem Abkleben: Wenn man sich da Mühe gibt, hat man später keinen Sprühnebel auf den Teilen, die sauber bleiben sollen. Mit dem Spachteln und Schleifen als Lackiervorbereitung ist es genau so.
 
In dieser Folge zeigen wir, wie man eine Reparaturstelle fachgerecht für die Grundierung vorbereitet. Der SL hat einen unfreundlichen Kratzer in der Heckklappe, einen großen Steinschlagschaden im Kotflügel und wenige Zentimeter weiter unten noch einen kleinen Satz Steinschlagschäden.
Der Kratzer in der Heckklappe geht nur bis knapp in die Grundierung, der Steinschlagschaden bis aufs nackte Blech. Da die Karosse weiter keine Delle hat, wird nicht gespachtelt, sondern nur geschliffen. Das große Spachteln kommt in der nächsten Folge.
 
Schleifen ist eine Wissenschaft und Schleifen braucht Übung. Allerdings kann man einiges auch via Internet lernen. Zum Beispiel, dass es verschiedene Fälle gibt, in denen geschliffen wird.
Fast jeder hat einen Winkelschleifer in seinem Werkzeugfundus. Oder einen Schwingschleifer. Diese Elektrogerätschaften nimmt man in aller Regel, um richtig grobe Sachen zu schleifen, da man mit entsprechender Schleifscheibe oder dem richtigen Papier binnen Minuten Pfundweise Material runterholzt.
 
Neben diesen Vorschliffarbeiten (und der Rostentfernung) schleift man Oberflächen an, damit Spachtel, Primer oder Lack besser darauf haften.
Oder man schleift eine in die Hose gegangene Lackierung runter oder an. Oder man schleift, um eine Oberfläche glatt zu bekommen. Meist geht es um diese glatte Oberfläche - und fast immer nimmt das sehr viel Zeit in Anspruch.

2Schleifpapier und Körnung

Arbeitsmaterial ist in unserem Fall Schleifpapier. Das gibt´s auf Rollen oder als Bögen, wie Schreibpapier. Schleifpapier ist, wie sollte es anders sein, nicht gleich Schleifpapier. Man unterteilt Papier nach der Art des Trägermaterials, also des Papier selbst, und der Art der Beschichtung, des Korns.
Grob gesagt existieren ziemlich einfaches Papier, eine Art Leinen-Gewebe und wasserfestes, geöltes Papier als Trägermaterialien. Das einfache "Papier" ist meistens noch mit weichem Glas beschichtet und reicht grade eben für Schleifarbeiten am Ikea-Regal. Das Schleifleinen ist meist nicht wasserfest und wird vorwiegend für Trockenschliffarbeiten an Metall verwendet.
Für unsere Zwecke bleibt also nur das wasserfeste Papier über. Das mit dem "wasserfest" ist wichtig, damit sich das teure Papier nicht im Wassereimer auflöst oder die Schleifkörner verliert. Die Schleifkörner selbst bestehen aus Glas (beim Ikea-Regal-Papier), Flint (beim meist blauen Gewebepapier) und Korund oder Siliziumkarbid. Die beiden letzten sind das, was für uns in Frage kommt. Die allermeisten Papiere sind damit beschichtet.
Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal von Schleifpapier ist natürlich die Körnung. Segensreicherweise haben sich die europäischen Papiermacher geeinigt und die Körnung genormt. Diese "P"-Körnung geht bei unter P40 los (Gebirgspapier für gröbste Holzarbeiten) und endet bei P1200, dem Papier für den allerletzten Durchgang an der Karosse.

3Trocken und Nass

Generell kann man auf zwei verschiedene Arten Schleifen: Trocken und Nass. Vorschliffarbeiten und grobes Runterschruppen von Spachtelbergen erledigt man meist trocken. Die feinen Sachen schleift man nass.
 
Beim Trockenschleifen entwickelt man nämlich eine nicht unerhebliche Menge Wärme, die unter Umständen sogar die Oberfläche anschmilzt und verschmiert.
Schleifstaub kann dann zusammenbacken und das Papier zusetzen. Ungünstigstenfalls kleben diese zusammengeballten Brösel dann im Papier und ziehen mit jeder Bewegung unschöne Rillen in die Oberfläche - diese Brösel nennt man „Schleifläuse“.
Beim Trockenschleifen also immer wieder das Papier ausklopfen und den Staub wegwischen.
 
Das Wasser beim Nassschleifen kühlt die Schleifstelle und spült den Schleifstaub weg. Das ist auch der Grund dafür, dass dasselbe Papier der selben Körnung nass feiner schleift als trocken. Den letzten Schliff erledigt man immer nass.
 
Entscheidend ist aber, dass die Oberfläche, auf der man wie ein liebestoller Makake rumorgeln will, trocken und fest ist.
Frisch gespachtelte Flächen müssen unbedingt durchgehärtet sein, damit die Spachtelmasse sich nicht aufribbelt und das Papier verklebt.
Mit dem Nassschliff kann man etwas früher anfangen, mit dem Trockenschliff muss man wirklich warten, bis das Zeug hart ist.
 
Der Kratzer in unserer Heckklappe geht glatt durch den Decklack und ist vielleicht erst auf dem Blech zuende. An anderer Stelle hat die Heckklappe eine kleine Delle - die soll in der nächsten Folge zugespachtelt werden. Weil es nicht lohnt, Delle und Kratzer separat zu lackieren, wird die ganze Heckklappe gespritzt. Deshalb wird der Kratzer großzügig freigelegt.

4Eben!

Möchte man eine ebene Fläche schleifen, braucht man was ebenes, auf das man das Papier aufzieht. Diesen Satz muss man auf sich wirken lassen.
Wer mal ein langes Holzbrett glatt hobeln musste, weiß, dass das nur mit einer Raubank geht - einem überdimensionalen Teil von Hobel, fast einen halben Meter lang. Mit einem kleinen Hobel zackt man sich entweder Macken ins Holz oder hobelt bestimmte Stellen tiefer als andere. Glatt ist das in den seltensten Fällen.
Nur die große Länge der Raubank überbrückt diese Dellen und sorgt dafür, dass das Hobelmesser da angreift, wo noch Material weg muss.
 
Bei der SL-Heckklappe ist es genau so. Würde man das Schleifpapier mit bloßen Griffeln führen, hätte man binnen kurzer Zeit Dellen im Lack, weil man nur da schleift, wo der dicke Daumen drückt. Die Ränder des Lackschadens blieben unberührt. Schleift man große Flächen nur mit den Fingerspitzen, wird das nix.
Als Schleifklotz kann man eigentlich alles nehmen. Ein superglattes Stück Holz ebenso wie einen Klötzchen aus Kork.
Schön, wenn sich das Teil aber ein wenig der Oberfläche anpasst - dann kann man auch leicht gewölbte Flächen schleifen. Da, wo das Schleifpapier im Laden liegt, stehen meist auf Schleifklötze aus Gummi oder Schaumstoff zum Verkauf.
Mit so einem Klotz gerüstet, kann man fast alles an Schleifarbeiten erledigen.

5Vorschliff

Für die Heckklappe haben wir wegen der ebenen Fläche einen ziemlich harten Schaumstoff-Klotz genommen.
Am Kotflügel kam in der zweiten Runde ein Gummiklotz zum Einsatz. In beiden Fällen stand am Anfang grobes Putzen der Schadensstelle. Dabei schleift man immer kreuzweise und klopft das Papier zwischendurch aus.
 
Für den ersten, groben Schliff eignet sich 120er Papier. Das geht zügig zur Sache und hobelt die Klarlackschicht schnell runter. Der Schleifstaub des Klarlacks sieht weißlich aus.
Wenn das Papier dann die Farbe des Decklacks annimmt, ist man in der zweiten Lackschicht angekommen. Hier sollte man auf eine feinere Körnung umstellen.
Möchte man seiner Gesundheit Gutes tun, setzt man sich eine Schleifstaubmaske auf und schützt sich so zumindest vor dem groben Dreck.
 
Wenn man mit dem 120er Papier den Grund des Kratzers oder des Steinschlags erreicht hat, kann man mit 180er weitermachen oder auf Nass umstellen.
Die Bilder zeigen beide Schadenstellen nach dem 120er Papier. An Kanten oder größeren Wölbungen sollte man besonders vorsichtig schleifen, weil das Papier hier besonders stark im Eingriff ist.
Das kann man beim Kotflügel an der Kante des Radlaufs gut sehen.

6Nass schleifen, aber richtig

Bei dieser Schleiferei werden auch alle Lackreparaturen der letzten Jahre und Jahrzehnte offenbar:
Der SL-Kotflügel ist an der genannten Radlaufkante schon mal überlackiert worden. Wenn Kratzer und Steinschlagschaden trocken vorgeschliffen sind, kann man sich ein paar Literchen Wasser warmmachen.
Das ist besonders im Winter deutlich angenehmer als kaltes.
 
Das Nassschleifpapier sollte man allerdings wenigstens eine halbe Stunde vorher eingeweicht haben, um es geschmeidig zu machen.
Für den Zwischenschliff haben wir hier 320er Papier genommen - mit dieser Körnung gleicht man die tiefsten Rillen des Trockenschliffs aus und nimmt nur noch wenig Material ab.
 
Wenn man ohne Klotz, also mit der bloßen Hand schleift, muss man, zumindest auf ebenen Flächen, mit der ganzen Hand schleifen. Wenn nicht die ganze Patschehand, sondern nur zwei Finger auf dem Papier liegen, schleift man an eben diesen Punkten Rinnen in die Oberfläche.
 
Um die Finger schön zusammen zu halten, kann man das Papier um den kleinen Fingern wickeln und dann mit dem Daumen festhalten. So eingespannt, können die Finger nicht auseinander. Wenn man sich das Papier nach dem Schleifen besieht, kann man ziemlich gut sehen, wo man aufgedrückt hat - diese Druckstellen sollten natürlich möglichst gleichmäßig verteilt sein.

7Zwischenschliff

Das Wasser träufelt man am besten mit einem schnöden Schwamm aufs Blech. Wenn man das Papier zwischendurch mal ausspült, vermeidet man Schleifbrösel auf dem Papier.
 
Beim Nassschleifen wird man, auch weil man ziemlich wenig sieht, sensibel. Man spürt selbst kleinste Unebenheiten.
Wenn man die weg hat (und das kann lange dauern) sollte die Reparaturstelle im Prinzip fertig sein.
Die Ränder sollen in unscharfen Zonen ineinander übergehen. Jede Lackschicht, die (ganz grob) zwischen 3 und 20 hundertstel Millimetern dick ist, verläuft jetzt auf einer Länge von zwei oder drei Zentimetern in die nächste.
 
Nach dem Zwischenschliff sollte sich die trockene Oberfläche schon völlig glatt anfühlen: Übergänge dürfen nicht mehr spürbar sein.

 

8Feinschliff

Weil sowohl Heckklappe als auch Kotflügel komplett lackiert werden sollen, muss der alte Lack für eine bessere Haftung angeschliffen werden.
Weil so gut wie kein Material abgenommen werden soll, nimmt man 600er oder 1.200er Papier. Die Flächen werden mit viel Wasser angeschliffen, bis sie gleichmäßig matt glänzen.
 
Bevor man sich jetzt zum Mittagstisch hinsetzt, sollten die geschliffenen Teile unbedingt trocknen, damit das blanke Blech kein Rost ansetzt.
Für diesen Zweck eignen sich prima billigste Abwasch-Schwämme von Aldi. Die letzte Stufe "knochentrocken" erreicht man am ehesten mit Druckluft. Auf den Bildern kommt ein Drucklufttrockner zum Einsatz, der die Luft durch die Bürste noch ein bisschen auf der Fläche verteilt.
Alle bearbeiteten Stellen sollen jetzt so appetitlich aussehen, dass man versucht ist, sofort den Kompressor für die Lackierung anzuwerfen.

Davor kommt jedoch noch die Grundierung. In einer weiteren Folge.