Papierfalten für Erwachsene

Auto Lackieren #2

Papierfalten für Erwachsene

# 185 | 27.02.2016 | JEM

Vor dem Lackieren steht das Origami: Unser Artikel zeigt Papierfalten und Abkleben im 3. Dan.

1Warum abkleben?

Es ist wie überall: was UNTER der Oberfläche liegt, ist auf Anhieb nicht zu sehen. Nur dann, wenn das Übel Blasen schlägt oder zerbröselt, dämmert einem, dass da was faul sein könnte.
Wenn man das von der Politik auf die Wirtschaft und dann auf das Lackieren von Blech überträgt, stimmt diese Feststellung immer noch. Leider.
 
Ob man den maroden Schweller des geliebten Kraftfahrzeugs fachgerecht mit Reparaturblechen instand gesetzt hat oder lediglich einen Jahrgang Bildzeitung zusammengeknüllt in rostbedingte Hohlräume stopfte, ist egal, wenn das Schmuckstück frisch lackiert aus der Trockenkabine rollt und nicht weiter belastet wird. Sieht prima aus - man darf bloß nicht mit der Schuhspitze dagegen kommen.
 
Während man Axel Springers Hohlraumverstärkung für echtes Blech halten könnte, fallen Lacktränen, Staub oder Kocher in der Lackierung aber auch dem Unbedarften auf.
Dem, der die Lackierung gemacht hat, erst recht. Da kann dann der Unterbau noch so mühsam geschweißt worden sein - bei der Lackierung rächt sich jeder noch so kleine Lapsus.
 
Da solche Fehler dummerweise nur selten nachher wieder gutgemacht werden können, lohnt sich saubere Vorarbeit- darum ein ganzes Kapitel nur übers Abkleben.
Fotomodell sind in diesem Fall wieder ein alter SL und ein noch älterer Polo. Dank an Christian und Peter, die hier Papierfalten in Reinkultur zeigen.
 
Der SL erhält (später in der Lackieren-Reihe) eine Reparaturlackierung am vorderen Kotflügel und der Heckklappe, der Polo wird komplett "frischgemacht" und lackiert.

2Abdeckband

Wenn man einem Kratzer oder einer Delle zu Leibe rückt, wird man anschließend nur selten das Auto neu lackieren. Meist geht es um die besagte Heckklappe, eine Tür oder einen Kotflügel.
Je nach Arbeitsschritt klebt man die umliegenden Teile ab. Wie man abklebt, hängt davon ab, was man im nächsten Schritt vorhat. Fürs Schleifen und Spachteln braucht man das ganze Fahrzeug nicht einzumummeln, schließlich fällt an Dreck nur Schleifstaub und Schmutzwasser an.
 
Wenn man aber die Spritzpistole startklar macht oder anfängt, die Sprühbüchsen zu schütteln, sollte man vorher großflächig Papier am Auto festgemacht haben.
Denn selbst wenn man in einer Lackierkabine mit vorzüglicher Absaugung arbeitet, kann einem feiner Farbnebel auf anderen Fahrzeugteilen den Feierabend versauen. Abkleben lohnt. Und zum Abkleben nimmt man Kreppband. Im Laden heißt das Abdeckband.
Das gibt es in verschiedenen Breiten und verschieden stark gekräuselt. Und natürlich in verschiedenen Qualitäten.
Das Band ist gekräuselt, um es in Kurven legen zu können. Nachteil der Kräuselung ist, dass der nasse Lack unter das Band kriechen kann. Weniger Kräusel - weniger Kapillareffekt.
 
Um einen Zierliniensalat auf dem Kotflügel zu drapieren, gibt es spezielle Bänder, die sowohl das Unterkriechen der Farbe verhindern als auch wunderbar in der Kurve liegen. Diese Klebebänder sind aber sehr teuer und nichts fürs schnöde Abkleben.
 
Damit man, wenn die Lackierung getrocknet ist, nicht Band und Lack vom Fahrzeug reißt und das Unterkriechen vermeidet, sollte man für das Abdeckband den einen oder anderen Euro mehr auf den Tisch legen.
Gute Produkte gibt´s von Tesa oder Scotch - das ist das, was auch der Lackierbetrieb um die Ecke benutzt. Schließlich soll das Zeug auch Lösemittelbeständig sein und gegebenenfalls auch die Hitze eines Heizstrahlers abkönnen, ohne festzubrennen.
Billigkrepp vom Chinaplunderladen taugt allerdings prima, um Papierbahnen miteinander zu verkleben, also da, wo es nicht drauf ankommt.
 
Da das Klebeband auch an der Stirnseite ein wenig backt, sollte man es nicht auf fertig beabeitete Flächen legen, sondern aufs Papier oder eine Glasfläche.

3Das Papier

Für einfach Abdeckarbeiten kann man Zeitung nehmen. Allerdings sollte man sich überlegen, was man dem geduldigen Papier so zumuten möchte: wenn man tüchtig mit Wasser rumpantscht, ist einfaches Zeitungspapier schon überfordert.
 
Sobald man richtig mit Primer oder Farbe zur Sache geht, unter Umständen auch. Falls die ganze Suppe dann auf dem Blech festgepanzert ist, verflucht man nicht nur das Papier.
Außerdem haben einige Zeitungen auch mikroskopische Löcher am Rand - ärgerlich, wenn man überall Farbnebel polieren muss.
 
Richtig "durchsuppfest" sind Illustrierte. Oder das was die Werkstatt benutzt: Das ist eine Art Packpapier von der Rolle, gibt´s in verschiedenen Breiten.
Wahrscheinlich geht normales Packpapier auch. Und mit viel Glück stampfen irgendwo in der Nachbarschaft die 4-Farb-Maschinen einen Offset-Druckerei: Hier fällt „Makulatur“ üblicherweise Containerweise an und ist für eine Spende in die Kaffeekasse zu haben.
Allerdings können die fehlfarbigen Pizzaflyer-Andrucke noch frisch sein: Bunte Seite nach außen hin legen.

4Spot-Repair oder ganze Fläche?

Bevor man ans Abkleben geht, sollte man sich überlegen, wie viel und vor allem was man abklebt. In unseren Beispielen geht es zum einen um den klassischen Fall eines "spot-repair" und einer Komplettlackierung.
Beim Spot-repair wird nur ein mitunter mikroskopischer Lackfitzel bearbeitet. Dumm, wenn der in einer riesigen Fläche liegt. Um ein astreines Lackierergebnis hinzukriegen, muss man diese riesige Fläche dann nämlich meist komplett mitlackieren.
 
Lackiert man nur knapp um die malade Stelle herum, so sieht man das in den allermeisten Fällen. Selbst wenn man Lack an Hand von Herstellernummern kauft und noch so sauber arbeitet, ist der Übergang in aller Regel sichtbar, oft auch ein leicht veränderter Farbton.
Weil Lacke auch unterschiedlich stark ausbleichen, kann es obendrein sein, dass die reparierte Stelle nach einem heißen, sonnigen Sommer anders aussieht als die Umgebung.
 
In Metalliclacken können sich die Metallpartikel in unterschiedliche Richtungen ausrichten. Und nur selten bekommt man die Art und Weise, in der diese Teilchen im Lack liegen, mit einer Reparaturlackierung exakt so hin wie bei einer Werkslackierung.
Wenn man dann das fertige Werk dann gegen das Licht betrachtet, fällt einem die reparierte Stelle auf.
 
Deswegen klebt der Lackmeister meinst an einer Kante ab. Diese Klebekante kann ein Türfalz sein oder eine Zierleiste. Worst case für ein Spot-repair ist ein Schaden im Dach.
Da kommt man schlecht ran und kann an A- und C-Säule oft nicht sauber ansetzen. In unserem Fall betrifft es, wie zu sehen, die Heckklappe und den Kotflügel. Fürs Lackieren kann man solche Teile Abkleben und Abbauen.
Allerdings gilt: Alles was man abbauen kann, sollte man auch abbauen. Denn überall da, wo Klebeband ist, ist auch eine Kante. Hier wandern also Stern und Zierleiste wohlbehütet in eine Ecke und produzieren keine Kante.
 
Beim Polo mit Komplettlackierung lag der Fall nicht so einfach - hätte man doch alle Scheiben ausbauen müssen.
Das ist bei Scheiben mit Gummidichtungen zwar nicht weiter problematisch, aber ziemlich arbeitsaufwändig. In diesem Fall blieben die Scheiben drin und es wurde scharf an der Dichtung abgeklebt.
 
Dass die betreffende Stelle vor irgendwelchen Arbeiten richtig saubergeschruppt wurde, versteht sich von selbst.

5Falz abkleben

Für Lackierarbeiten gelten andere Sauberkeitsansprüche an die Arbeit, als für Schleifarbeiten.
Dass vor einer späteren Lackierung alles noch mal peinlichst gereinigt, abgepustet und entfettet wird, versteht sich von selbst. Möglicherweise sind auch Zwischenschritte beim Abkleben erforderlich - das ist hier alles weggelassen.
 
Wenn jetzt alles fein abmontiert ist, stellt sich also die Frage, was eigentlich mit dem Lack in Berührung kommen soll. Was soll oder darf also sichtbar sein? Wir fangen bei der Heckklappe an.
Die hat eine Delle und einen Kratzer abbekommen und soll in einer der nächsten Folgen in ihrem ursprünglichen Schwarz-Metallic erstrahlen. In dem Fall spielt der Falz keine Rolle.
 
Hat man aber eine andere Wagenfarbe (so wie der Polo), muss der Falz mitlackiert werden - die alte Farbe springt sonst sofort ins Auge. Auf dem Foto sieht man den Falz der Motorhaube - der ist Dunkelrot, der Rest Hellrot.
Man legt also das Abdeckband von innen um die Klappe herum, so dass man anschließend das Papier an der Klebeseite festpappen kann.

6Falz, andersrum

Gesetzt den Fall, dass man den Kotflügel um die Klappe herum lackieren wollte, müsste der Lack ein bisschen in den Falz reinlaufen. Einfachere Lösung, aber viel Arbeit, das Spaltmaß wieder herzustellen: Also Klappe ausbauen.
 
Will man sich diese Montagearbeit sparen, klebt man die Klappe komplett ab. Damit man eine nicht ganz scharfe Kante hat und der Lack ein wenig in den Falz läuft, legt man eine Art Rolle in den Falz.
Dazu benötigt man Dichtband oder irgendwas vergleichbares, das rund und flexibel ist. Schlauch geht auch. Das gezeigte Dichtband gibt´s im Baumarkt für Türen oder Fenster - billigste Qualität aus Schaumstoff.
 
Bevor man das Klebeband ansetzt, wischt man noch mal den Falz sauber, weil sich da immer der Gammel und Dreck sammelt, der bei einer Wäsche nicht mit abgeht.
Man klebt eine Kante ein bisschen an, legt die Dichtung rein und zieht den Rest des Abdeckbands rum. Das dient auch dazu, Hohlräume aufzufüttern, damit der Sprühnebel darin nicht verloren geht und Tröpfchen bildet.
So einen aufgefütterten Hohlraum sieht man im letzten Bild. Übergang zwischen Heckklappe und rechtem Kotflügel.

7Auto abkleben und einschlagen

Beim SL soll allerdings nur die Heckklappe lackiert werden, nichts weiter. Also wird alles drumherum schön in Papier eingeschlagen.
Wenn mal Papier übersteht, kann man das entweder abschneiden oder nach innen umschlagen. Wenn man nach außen faltet, besteht immer die Gefahr, dass das Papier durch den Luftstrahl der Pistole hochfliegt.
 
Beim vorderen Kotflügel geht das Abkleben genau so. Hier sind allerdings zwei "Sorten" Abklebung gezeigt: auf den Bildern hier ist noch nix bearbeitet.
Hier wird nur abgeklebt, damit man beim Schleifen und Spachteln nicht mit dem Papier auf die Motorhaube oder die Tür kommt. Der Spalt zur Motorhaube hin ist also gar nicht weiter von Interesse.
 
Lässt man Scheinwerfer oder Rückleuchten drin, müssen die natürlich auch sauber eingewickelt werden.
Allerdings kann man Farbe oder Primer von Glasflächen mit Aceton prima wieder runterkriegen. Bei Kunststoffteilen ist davon jedoch abzuraten: ausbauen oder einpacken.

8Auto fertig zum Lackieren

Hier wird derselbe Kotflügel, jetzt gespachtelt und geschliffen wieder eingepackt.
Diesmal aber mit Spalt zur Motorhaube hin: der Lack soll ein Stück in den Falz laufen. Das Papier, dass die Motorhaube zudeckt, soll auch an der Motorhaube befestigt werden.
Dazu kann man einen Klebestreifen um die Kante legen und über den Klebestreifen noch einen Streifen kleben. Oder, oder, oder. Mitunter muss man sich mit irgendwas helfen, um das Klebeband in irgendwelche Ecken oder Spalten zu kriegen, wie hier in den Türspalt der A-Säule.
 
Damit das Abdeckband an Kanten 1a- anliegt, kann man es am Rand nochmal feste andrücken. Das geht auch gut mit einem Stück Holz oder Kunststoff.
Die Reifen sollen selbstverständlich auch keine Farbe abkriegen und werden auch mit eingepackt.
Da die Farbe in diesem Fall schwarz ist, kann das Einpacken der Radhäuser entfallen. Würde man aber z.B. weiß spritzen, müsste man das auch noch machen.
 
Wichtig bei allen Abklebearbeiten ist, dass nachher alles dicht ist (kein Farbnebel) und man das Auto noch irgendwie bewegen kann.
Den allerletzten Kniff ins Origami-Papier macht man in der Lackierkabine oder da, wo man mit der Farbe hantiert und man das KFZ nicht mehr bewegen muss.

9Komplett-Lackierung

Während der SL jetzt verhüllt aufs Lackieren wartet, hat der Polo schon seine hellrote Frischzellenkur hinter sich.
Auf den Ausbau der Scheiben haben wir verzichtet. Wohl aber sind die Blechteile, die im Inneren liegen und auch bei eingebauter Verkleidung sichtbar sind, freigelassen worden.
Das erfordert ein bisschen Gezirkel beim Lackieren: Tür außen spritzen, vorsichtig aufmachen, dann innen spritzen. Das braucht Konzentration, ist aber praktikabel.
 
Ein echtes Kunstwerk ist der Kofferraum: Ein dreidimensionales Kunstwerk in Klebeband und Packpapier - und das alles nur, um zwei Blechteile, die sich im Kofferraum befinden, mit zu spritzen.
 
Auch wenn das Auto kein Reichstag ist - einen halben Christo braucht es mitunter, um alle Klebestreifen anzubringen. Oder auch die Zuhilfenahme der Nase, wenn der Fotograf mal wieder keine Lust hat, mitzuhelfen.