Sattel / fest

Bremssattel reparieren

Sattel / fest

# 151 | 28.10.2015 | SIB

Wenn die Bremse einseitig zieht oder eine Felge grundlos heiß wird, kann der Bremssattel schuld sein. Wie reparieren?

1Bremse fest?

Wenn das Auto beim Bremsen den Schlingerkurs in Richtung Straßengraben einschlagen will oder eine der üblicherweise vier Felgen nach Abstellen des automobilen Traums ungewöhnlich heiß ist, sitzt meistens ein Bremszylinder fest.
Auch einseitig abgenutzte Bremsscheiben sind ein Indiz für festhängende Sättel, die den Bremskolben nicht korrekt zurücklaufen lassen. Ob es sich dabei um einen Fest- oder Faustsattel handelt, ist prinzipiell wurscht.
 
Ursache Nummer eins ist oft schlicht das Alter: Im Laufe der Jahre wird das Gummi der Manschetten und Dichtungen porös, so dass Wasser eindringen kann.
Korrosion ist die Folge, das Klemmen des Sattels nur ein Symptom.
 
Ursache Nummer zwei wirkt schneller und lautet „Mangelnde Wartung“. Weil Bremsflüssigkeit hygroskopisch wirkt und Wasser auch durch die Bremsschläuche zieht, sollte man die Bremsplörre alle zwei Jahre komplett austauschen.
Tut man das nicht, fällt das ins Bremssystem diffundierte Wasser aus und sammelt sich (weil schwerer) am tiefsten Punkt - dem Radbremszylinder.

2Ersatzteil: "Repsatz"

Ärgerlicherweise verlangt der örtliche Teileonkel schnell dreistellige Beträge für eine neue Bremszange - billiger und besser fährt man also mit einer Reparatur des alten Teils.
Die erforderlichen Ersatzteile werden häufig als „Reparatursatz“ verkauft, also wechselt eine Tüte mit ein paar Gummiteilen für zirka zwanzig Euro den Besitzer.
 
Auch hier gilt: Nichts ist besser als das Original! Häufig sind Verschleißteile der Hersteller günstiger als man denkt, und nicht selten günstiger als die Teile aus dem Zubehör – oder noch schlimmer – die unpassenden und lebensgefährlichen Teile aus Fernost, die im Internet für “Drei-Mark-fuffzig“ verjubelt werden.

3Bremssattel abbauen

Wir zeigen die Reparatur eines Daimlerschen Schmwimmrahmen-Faustsattels - andere Bauformen werden prinzipiell gleich zerlegt und überholt.
Also das Auto angebockt und den Reifen abgeruppt. Vor dem Schrauber liegt nun die hydraulische Zwei-Kreisbremsanlage, wie sie seit Ende der 1960ziger Jahren in Deutschland Pflicht ist.
Die Bremszange, die die Scheibe im Würgegriff umschließt, ist auf der Innenseite mit dem Achsschenkel verschraubt. VAGler verwenden dafür gerne Inbusschrauben, bei Daimler schwört man auf Sechskant.
 
In der Praxis ist es aber völlig gleich; die Schrauben müssen raus, um die Zange demontieren zu können.
Dafür bietet es sich an, das Rad maximal auszulenken. Vor dem Schrauben noch die Bremsverschleißsensoren abstecken, sonst gibt es im Eifer des Gefechts schnell erste (und teure) Opfer zu beklagen.

Tipp: Erst beide Schrauben lockern, dann die Erste ganz herausdrehen. Ohne „Widerlager“ dieser Schraube fehlt die Drehmomentstütze für das Öffnen der Zweiten.
 
Wer jetzt schon einen Schritt weiterdenkt, kann auch bereits den Bremsschlauch (nächstes Kapitel) lockern - geht dann leichter los.

4Bremsschlauch lösen

Anschließend den Bremsschlauch von der Zange lösen.
Ambitionierte Schrauber verwenden einen passenden Leitungsschlüssel, für die Reparatur am Bordstein tut es auch ein normaler Sechskantschlüssel, sofern die Platzverhältnisse es zulassen.
 
Das Ende des Bremsschlauch-Gewindes ist erreicht, sobald Bremsflüssigkeit auf den Gehweg plörrt - vorher einen Lappen unterlegen und den Schlauch mit einem Gummistopfen verschließen.

5Druckluft!

Die Beute liegt nun vor einem: Der Bremssattel, allerdings meist in Form eines verrosteten Gusseisen-Klumpens.
Der besteht im Wesentlichen aus dem (vergammelten) Gehäuse , dem Entlüfterventil, einem Kolben samit Dichtring sowie der porösen Manschette, die den Kolben nach außen hin abdichten.
 
Um die Manschette und die Dichtung des Kolbens tauschen zu können, muss selbiger seinen seit Jahr und Tag vertrauten Platz verlassen.
Das geht man besten mit Schraubers Wunderwaffe, der Pressluft! Wer keinen Kompressor sein eigenen nennt, nimmt Druckluft aus der Dose oder bemüht die gute alte Fahrradpumpe mit Anschluss für das Gummiboot.

Ein Stück Holz wird gegenüber dem Kolben in die Zange gelegt und verhindert unkontrolliertes herumfliegen des Kolbens, ein Lappen über der gesamten Zange schützt den Hermelinmantel vor der Bremsflüssigkeit.
Nun einen kurzen, aber beherzten Luftstoß in den Anschluss der Bremsleitung jagen: Der Kolben sollte mit einem satten „Flopp!“ gegen den Holzblock fahren.
 
Wer Lust auf ein paar Mußestunden in der Handchirurgie des nahen Uniklinikums verspürt, hält seine Griffel genau in Fahrtrichtung des Bremskolbens und drückt dann auf die Luftdruckpistole.

6Kolben entrosten

Jetzt kann das eigentliche Werk beginnen. Kolben mit der Hand rausziehen und von der Manschette trennen.
Rost am oberen Teil des Kolben mit Schmirgelpapier abschleifen und den Schnotter und Gammel am dichtenden Teil des Kolbens vorsichtig abpfriemeln. Der Kolben muss später in der Bohrung AXIAL abdichten - der Rechteckring im Zylinder verzeiht deswegen keine tiefen Riefen in dieser Richtung.
 
Letzte Runde der Schleifarbeiten am Kolben mit 1000er Schleifleinen. Falls sich der Gilb (im relevanten Dicht-Bereich) deutlich in den Kolben gefressen hat, ist das Ding wegschmeißreif: Hier kann nix mehr dichten.
Der enorme Druck würde das Bremsöl immer am Dichtring vorbei und durch das Rostgrübchen ins Freie drücken.

7Dichtring montieren

Liegt aber der Kolben blitzeblank und tadellos auf der Werkbank, die Dichtung aus dem Zylinder rauspfriemeln.
Darauf achten, dass die Oberfläche der Bohrung nicht zerkratzt. Falls die Bohrung auch korrodiert ist, ebenfalls mit Schleifleinen bearbeiten. Alten Dichtring rauspopeln und den neuen mit Bremsflüssigkeit einschmieren und wieder einsetzen.
Wer hat, kann auch „Bremszylinderpaste“, verwenden. Im Gegensatz zu mineralischem Öl oder Fett verträgt sich dieses Zeug mit der silikonhaltigen Bremsflüssigkeit.
 
Die neue Manschette wird auch zunächst nur auf den Kolben montiert, und dieser anschließend in den Zylinder eingeschoben.
Sobald er wieder an Ort und Stelle ist, kann die Staubmanschette in ihrer Nut befestigt werden. Den Kolben hierbei komplett zurückdrücken, dann hat man es bei der Montage mit den Bremsbelägen einfacher.
Insbesondere diese Montage der Staubschutzmanschette hat es in sich - einige Bremssättel sind so verteufelt hässlich konstruiert, dass man durchaus ein paar Kabelbinder oder stumpfe Schraubenzieher zum Stochern oder Positionieren der Manschette in ihren Nuten verwenden muss.
 
Im Zweifel tief Luftholen, Kolben wieder rausziehen und nochmal von vorne anfangen.

8Führungsbolzen / Führungshülsen

Hat man den Sattel eh draußen, lohnt auch ein kritischer Blick auf die Führungsbolzen und deren Manschetten, die die eigentliche Zange im Sattel „schwimmen“ lassen, so dass sich der Bremsdruck auf beide Seiten der Bremsscheibe gleichmäßig verteilt.
Verdreckte, verrostete Bolzen oder zerdrückte Führungshülsen hindern die Zange am geschmeidigen Rückstellen.
 
Bei den Bolzen handelt es sich um zylindrische Bolzen aus etwas besserem Stahl, die am Ende mit einem Gewinde in die Zange eingeschraubt werden.
Deren Ausbau nach 15 oder mehr Jahren erfordert Entschlossenheit: Nur selten lassen sie sich freiwillig entfernen. WD-40, Hammerschläge und eine große Rohrzange sorgen für strategische Überlegenheit auf Seiten des Schraubers.
 
Sobald die neuen Bolzen eingeschraubt sind (zur Schonung empfiehlt sich ein Stück alte Jeans in der Zange beim Einschrauben), werden diese mit der beiliegenden Schmierpaste versorgt und verschwinden daraufhin in ihren (ebenfalls neuen) Gummimanschetten.

9Bremse entlüften

Der Einbau der überholten Zange läuft dann in umgekehrter Reihenfolge ab. Beläge aufsetzen, Zange montieren, Bremsschlauch wieder anschließen, Bremsverschleißsensor wieder anklemmen und alles mittels Bremsenreinger von ausgelaufener Bremsflüssigkeit befreien.
 
Jetzt muss die Bremszange noch entlüftet werden, da Luft in dem Hydrauliksystem nichts zu suchen hat.
Dafür schon im Vorfeld den Vorratsbehälter auffüllen und wahlweise über einen selbstgebauten Druckanschluss oder mittels kurzer Pedaltritte ausreichend Bremsflüssigkeit durch den Zylinder befördern, bis diese nur noch blasenfrei aus der Entlüftung läuft.
 

Reihenfolge für die Bordsteinarbeiter: Entlüftung öffnen, bremsen, Pedal halten, Entlüftung schließen, Bremspedal zurückkommen lassen. Jetzt saugt das System die Fehlmenge aus dem Ausgleichbehälter.
Das Ganze dann lieber zu oft als zu wenig häufig wiederholen; 50 - 100ml Bremsflüssigkeit finden sich schnell im Schlauch und dem Bremszylinder.
 
Das Bremspedal darf sich anschließend nicht „aufpumpen“ lassen, auch bei einem extremen Tritt ins Pedal darf keine Bremsflüssigkeit am Bremssattel austreten. Alles dicht?
 
Um zu testen, ob die Bremse wirklich nicht klemmt, die Reifen voll aufpumpen und das geliebte KFZ auf einer ebenen Betonfläche schieben - das muss jetzt auch nach einer Bremsung gaaaaanz leicht gehen. Tut es das? Prima!