Französischer Fettbalg

Achsmanschtte wechseln

Französischer Fettbalg

# 116 | 23.04.2015 | JEM

Wenn sich Wasser und Sand im Ausgleichgelenk der lustigen Keksdose breitgemacht haben, ist Schluss mit französischer Lebensart - besser, man tauscht die Achsmanschette präventiv.
 

1Geschmiert und geschützt

Als Wunder der Feinwerktechnik müssen Ausgleichgelenke an den Enden der Antriebswellen einer ganzen Stange von Belastungen die Stirn bieten. Zum unberechenbaren Fahrverhalten von Sitz-ganz-nach-vorne-Hausfrauen, die mit Vollgas und Bremse gleichzeitig fahren, kommen Stöße im Antriebsstrang wegen durchdrehender oder springender Räder unter Last.
 
Die Gelenke müssen diese brutalen Kräfte auch bei eingeschlagenen Rädern übertragen. Damit das ohne Bruch geht, sind die radseitigen Ausgleichgelenke extrem genau gearbeitet und edel gesalbt, damit es ihnen nie an Schmierung mangelt.
 
Zum Schutz gegen widrige Witterung ist außenrum eine Gummimanschette, die allerdings irgendwann ihr Leben aushaucht und das Fett ins Freie entlässt. Das Zerstörungswerk der Umwelteinflüsse geht dann schnell und still vonstatten; erst wenn das Fett raus und Schmodder drin ist, macht sich der Gelenk-Gau bemerkbar.
 
Ein kaputtes Gelenk knackert und rackert erst bei starkem Lenkwinkel auf dem Garagenhof und nach einiger Zeit auch bei Geradeauslauf. Hier hilft auch die neue Manschette nix mehr, vielmehr ist ein neues Gelenk fällig.
Damit es nicht so weit kommt, lohnt sich ab und an ein Blick auf dieses preisgünstige Gummiteil. Sind Risse zu sehen, ist ein Austausch angeraten - der ist günstig und schnell gemacht. Hier im Bild ist die Reparatur auf der rechten Seite zu sehen. Auf der linken geht es im Prinzip genau so.

2Wagen aufbocken

Wir zeigen die Arbeit auf der Hebebühne - am Bordstein geht das natürlich auch, schindet allerdings die arthritischen Knochen.
Noch dazu sollte man unbedingt darauf achten, den Wagen gerade und vor allem umkippsicher aufzubocken, weil auch das Leichtgewicht AX ein beträchtliches Gewicht auf die Waage bringt, wenn es auf der eignen Schädelplatte zu liegen kommt.
 
Vor allem Anheben sollte man aber einen Gang einlegen, die Handbremse ziehen und die Zentralmutter der Antriebswelle lösen. Die hat Schlüsselweite 30 und kann verteufelt fest sitzen. Wir verwenden eine anderthalbmeter lange Verlängerung auf einer ¾-Zoll-Nuss.
Ein gekröpfter Ringschlüssel tut das Werk ebenso, muss aber unbedingt abrutschsicher aufgesteckt sein. Ist die Zentralmutter los, auch die Radbolzen lösen und dann den Wagen anheben.

3Bremssattel abschrauben

Die Achsmutter komplett runterdrehen. Hat man den Wagen auf schwindelnde Höhen gepumpt, kann das Rad herunter. Weil jetzt die Bremse los ist, lohnt sich ein Blick auf ihren Zustand - ein Wechsel verschlissener Komponenten ist an dieser Stelle Kräfte schonend zu machen.
 
In jedem Fall muss der Bremssattel beiseite. Dazu die beiden Plast-Stopfen auf der Rückseite heraushebeln und beide Torx-Schrauben lösen und herausdrehen.
 
Der Bremssattel lässt sich mit ein paar Lockrufen des Schonhammers aus seiner Position bringen.
 
Den Sattel an einem Stück Draht zur Seite hängen, damit der Bremsschlauch nicht geknickt wird und keinen Schaden nimmt. Die Strippe der Bremsbelag-Verschleißanzeige kann dran bleiben.

4Querlenker und Spurstange lösen

Damit die Antriebswelle ausgebaut werden kann, muss das Radlagergehäuse vom unteren Querlenker ab. Hierzu die Mutter auf dem Befestigungsbolzen lösen und abschrauben. Den Bolzen herausziehen oder, wenn zu fest, von hinten mit einem Dorn herausschlagen.
 
Den Querlenker anschließend herunterdrücken und aus dem Kugelgelenk hebeln, damit die Gelenkwelle Platz bekommt. Das kann ebenfalls schwer gehen, wenn das Kugelgelenk lange genug fest gegammelt war. Gegebenenfalls mit einem Schonhammer nachhelfen.
 
Das Spurstangengelenk lösen. Das ist nur auf der linken Seite zwingend nötig, weil die Antriebswelle hier kürzer ist. Auf der rechten hat die Welle etwas mehr Platz, trotzdem kann ein Ausbau nicht schaden. Mutter lösen und abschrauben.
Das Gewinde vorher auf jeden Fall schön sauber machen und nicht mit Caramba geizen. Dreht sich der konische Bolzen des Gelenks (inklusive Gewinde) nämlich mit, muss der Gewindestummel arretiert werden, um die Mutter runterzudrehen.
 
Spätestens wenn das Federbein nun nur noch am oberen Domlager bommelt, lässt sich die Welle aus dem Radlagergehäuse herausziehen.

5Antriebswelle ausbauen

Die Antriebswelle ließe sich jetzt mit Eifer und Geifer aus dem Getriebe ziehen. Allerdings käme auch mehr als die Hälfte des Getriebeöls hinterher; das steht nämlich Oberkante Antriebswellen. Um den kostbaren Schmiersaft aufzufangen, empfiehlt es sich, das Öl vorher abzulassen oder vor dem Herausziehen der Wellen eine Schüssel unterzustellen.
 
Ist das Öl noch richtig schön gelb und nicht zu dünn, so lässt sich die Suppe wiederverwenden, nachdem man sie durch ein Handtuch filtriert oder in einer abgedecktgen Schüssel über Nacht stehengelassen hat.
 
Die ausgebaute Antriebswelle vorsichtig in einen Schaubstock spannen, damit man freie Hand für die Operation am offenen Gelenk hat.

6Blechhülse des inneren Gelenks lösen

Citroen hat nicht an Komplikationen gespart, so dass die komplette Antriebswelle auseinander muss, wenn man dem äußeren Gelenk an den Fettkragen will.
Der Reihe nach und mit dem inneren Gelenk angefangen: Clic-Schelle abkneifen. Das geht mit einer Kneifzange prima, ein Seitenschneider leistet ebenfalls gute Dienste.
 
Das Gros der Mechanik des inneren Gelenks ist in einer Blechhülse verborgen, die meist nur nach Zerstörung von ihrem Platz weicht. Für den geübten Amok-Schlosser ist das kein Problem; jedoch sollte beachtet werden, dass keine Späne in das Gelenk gelangen.
Hier im Bild zeigt unser Altmeister Klaus Molotow Kinski, wie man die Manschette vorsichtig ansägt und den Blechmantel anschließend mit einer Wasserpumpenzange abknibbelt.
Das geht zwar schwer, ist aber sicher und schonend. Ist der blecherne Lümmelmann zerfetzt, lässt sich der innere Flansch abziehen.
 
Hierbei ist unbedingt die Lage zu den Laufkörpern des Gelenks zu beachten: wie schon erwähnt, sind die Laufflächen auf wenige Tausendstel zueinander gepasst und auch eingelaufen - die Dinger sollten nicht verdreht eingebaut werden.
Wie man sich die Lage zueinander merkt ist wurscht, wir haben hier einen Streifen Teflonband und einen Edding bemüht.

7Inneres Gelenk

Der sternförmige Träger der Laufkörper ist mit einem simplen Sprengring auf der Welle gesichert.
Dieser Seegering löst sich mit einer passenden Zange am besten - mit einer Radiozange riskiert man, dass das Kleinteil mit höhnischem Dingeling! in einen finstren Schutthaufen der Werkstatt fliegt.
 

Innere Clicschelle der Manschette abknipsen und den Stern abnehmen. Der olle Rest der Manschette kann jetzt auch in die Tonne wandern.

8Äußeres Gelenk und Achsmanschette

Endlich ist Bahn frei zum äußerem Gelenk: hier auch die Clicschellen abknapsen und den fettigen Balg runterziehen. Voilá!
 
Das Gelenk nach bestem Wissen und Gewissen sauber machen; wenn Reste der alte Schmiere drin oder dran bleiben ist das nicht weiter schlimm. Haben sich aber schon Sand oder Schmodder ihren Weg durch die Manschette gebahnt, muss der Feinwerkkram bis auf die Knochen sauber. Anschließend die neue Achsmanschette aufziehen und mit der beigelegten Portion Fett füllen.
 
Bei der Montage des frischen Gummiteils darauf achten, dass der Faltenbalg in voll gebeugtem Zustand nicht straff anliegt. In aller Regel ist die Position der alten Manschette goldrichtig.
 
Die hier beiliegenden Schellen werden mit einem schmalen Schlitzschraubenzieher vorgespannt und anschließend zusammengeknapselt. Das geht mit einer Rabitz-Zange prima; die Schelle ist richtig gespannt, wenn sie sich von Hand nicht mehr auf dem Gummi verdrehen lässt.

9Fettdichte Blechbüchse

Die Abdichtung des inneren Gelenks ist wegen des Blechteils etwas komplizierter. Radseitig ist hier auch eine Gummimanschette vorgesehen; dieses faltige Teil sitzt in einer Blechhülse.
Und diese Blechhülse wird getriebeseitig mit einem O-Ring gegenüber der Welle abgedichtet.
 
Wie auf dem Bild zu sehen, lässt sich der Balg nebst Hülse über die Welle ohne den Stern schieben.
Dann wird der Stern (in der richtigen Position) montiert und mit seinem Sprengring gesichert.
 
Der Sprengring passt nur, wenn man den Stern richtig herum auf die Welle schiebt. Eine Seite der Verzahnung hat nämlich eine leichte Senkung - die muss zur Welle hin zeigen.

10Büchse zulöten

Die andere Seite des inneren Gelenks besteht aus dem Gelenktopf und dem Achsstumpf. Dieser Gelenktopf wird ebenfalls halbwegs sauber gemacht und mit einem frischen O-Ring versehen, damit die Blechbüchse auch abdichten kann.
 
Ist der O-Ring drauf, kann das Fett in die Büchse, anschließend kommt der Pott. In diesem Pott sorgt ein federbelastetes Druckstück dafür, dass das Gelenk ständig auseinander gedrückt wird.
Druckstück und Feder müssen an ihren Platz, bevor die Blechhülse über den O-Ring geschoben werden.
 
Es macht ein leises "Flupp", wenn man mit einer Wasserpumpenzange leicht nachhilft. Die Welle ist jetzt fast fertig. Um das innere Kunstwerk französischen Automobilbaus nämlich wieder zuzukriegen, muss der Blechrand nach innen umgeschlagen werden.
 
Das ist mit ein wenig Muße und einem leichten Hammer sauber hinzukriegen und sichert das Fett gegen Austreten und das Gelenk gegen auseinanderrutschen. Die Gelenkwelle ist fertig zum Einbau.

11Bon appetit!

Die Montage geht im Prinzip genau so wie der Ausbau: Antriebswelle an ihrem Platz im Getriebe stecken und in das Radlagergehäuse einfädeln. Spurstangengelenk und Kugelgelenk am unteren Querlenker mit neuer Stoppmutter oder mit Loctite und 40 Nm anziehen.
Sind alle Teile an ihrem Platz, könnte man Kopf über Hals ans Steuer springen und einen Satz Reifen auf dem Schasselysee lassen, wenn nicht noch Getriebeöl fehlen würde:
Dazu die Öleinfüllschraube an der Vorderseite des Getriebes aufdrehen und Getriebeöl 85W90 nachkippen. Das geht mit den handelsüblichen Rüsselflaschen eher beschwerlich - hier im Bild machen wir das konkurrenzlos elegant mit einem selbst gebauten Getriebeöleindrücker.
 
Der Ölstand ist goldrichtig, wenn das Öl bei waagerecht stehendem Wagen anfängt, aus der Öffnung zu laufen.
 
Ist Öl drauf, beide Räder montieren und die Achsmuttern mit soliden 270Nm anziehen. Je nach Typ sind die Muttern mikroverkapselt oder müssen verstemmt werden.
Bremsscheiben von allen Fettgriffeln reinigen. Räder montieren, Radbolzen anziehen.
 
Probefahrt zum Boulanger des Vertrauens machen, ein paar Flöten holen und dick mit Pastete bestreichen. Bon Appetit!

 
Bild des Benutzers doggyfreestart
Dabei seit: 28.09.2015

Mal eine kurze Frage: empfiehlt sich die Simmeringe der Antriebswelle im Getriebe gleich mitzutauschen? Ist zwar aktuell trocken, aber nach 23 Jährchen kann es evtl. schon seine beste Tage hinter sich haben.....
Wird in jedem Fall nicht schaden. Wenn die Abmaße sogar draufstehen, bekommst Du die Dichtringe irgendwo im Netz günstig. Falls nicht, solltest Du mit Innendurchmesser, Außendurchmesser und der Dicke des Dichtrings weiterkommen.
Frohes Schaffen! JEM

Bild des Benutzers doggyfreestart
Dabei seit: 28.09.2015

Also gestern war's soweit.
2 Kommentare: Bei mir musste werder der Bremssattel noch die Spurstange demonitiert werden. Nach dem Querlenkerabbau flutschte die Welle wortwörtlich in meinem Schoß.
Die Blechdose gibt's mit 2 Innendurchmessern (vive la France!) 70 & 63mm. Natürlich habe ich die 70'er bekommen, wobei bei mir die 63'er notwendig gewesen wären.
Also das Spielzeugauto bliebt vorest aufgebockt, bis die korrekte Ersatzteile ankommen.
Und noch ein Drittes Tipp & Trick, wäre evtl. in die Rubrik "Russenreparatur" passend: In die Gelenke war ein recht dünnflüssiges Fett, im Repsatz dagegen nix zum Schmieren. Ich habe zwar MoS2 Graphitfett, aber deutlich zäher. Um den gewünschten Konsistenz zu erreichen, habe die Pampe mit Getriebeöl gemischt und voila, da war die dünnflüssige Brei fürs Gelenk!

Bild des Benutzers doggyfreestart
Dabei seit: 28.09.2015

Da habe ich einen neuen Wundermittel entdeckt: Da nervigerweise meine neue Manschette beim Schweissen durch einen glühenden Spritzer durchgebrannt wurde, hatte ich kein Bock wieder für die ganze Prozedur, sondern 6 EUR für ein Bailcast Universalmanschette investiert, was ich ohne Achsenabbau,von der Radseite aufziehen konnte. Ich kann gerne ein paar Fotos und eine Beschreibung liefern, falls Interesse besteht.