Sitz!

Ventile einschleifen

Sitz!

# 101 | 12.03.2015 | JEM

Wenn der Zylinderkopf blank und leer auf der Werkbank schlummert, müssen die neuen Ventile eingeschliffen werden: Echte Handarbeit.

1Ventilschaftdichtungen kaputt?

Alle Ventile laufen in Ventilführungen, die in den Zylinderkopf eingeschrumpft sind. Damit aus dem Kopf nicht ständig teures Motoröl in den Brennraum läuft, sind die Ventilschäfte nach oben hin mit Dichtringen, genauer: Wellendichtringen versehen.
 
Wenn sich diese unscheinbaren Pfennigteile verabschiedet haben, läuft (logisch) Schmiersaft durch den Schaft in den Brennraum und sorgt für eine lustige blaue Auspufffahne. Typischerweise beim Herunterschalten / Gaswegnehmen.
Wenn also die Kumpel bei der Gruppenausfahrt des MC Firefuckers stets eine Meile Abstand halten oder immer vorne fahren wollen, lohnt ein Austausch der Ventilschaftdichtungen.
 
 

2Ventilführung testen

Wenn aber die Kollegen des MC bereits ein paarhundert Kilometer nach dem Austausch der Ventilschaftdichtungen erneut Asthma unter der Halbschale bekommen, kann das auch an maladen Ventilführungen liegen.
 
Diese Führungen sind allermeist eingeschrumpfte, zylindrische Bunt- oder Sintermetallführungen, die wenigstens eine halbe Milliarde Spiele abkönnen. Oder wenigstens abkönnen sollen.
 
Sind diese Ventilführungen hinüber, lässt sich das fast komplett reingesteckte Ventil ganz deutlich radial hin- und herbewegen.  Für einen Test also das Ventil saubermachen, Schaft und Führung blitzeblank trockenreiben und das Spiel mit den Fingerspitzen ertasten.
Gaaaanz leichtes Wackeln ist erlaubt, deutliches Schlockern heißt: Führung hinüber.
 
Logisch, dass in diesem Fall auch nagelneue Ventilschaftdichtungen den Schmiersaft nicht lange aufhalten können und die Abgasfahne der GPZ auch nach dem Wechseln eher nach MZ mit 1:25 im Tank aussieht.
 

3Saugerholz

Beim Einschleifen muss man das Ventil drehen. Dabei kann man vorne am Teller anfassen oder den Ventilschaft da anpacken, wo vorher die Federn saßen.
Wir benutzen hier das Patent-Saugerhölzchen - damit kann man den Ventilteller elegant anfassen und drehen. Es geht auch ohne oder mit einem umgebauten Hand-Mixer, oder, oder, oder.
 
Allerdings hat man mit diesem Teilchen hier viel Gefühl, auch wenns etwas länger dauert. Da es bei diesem Arbeitsschritt eher auf Qualität als auf Zeit ankommt, lohnt die Investition in so ein Wundergerät.

4Einschleifpaste

Ventileinschleifpaste besteht aus Korund in Knetmasse. Diese Bindung ist mineralisch und lässt sich, wenn die Paste nach ein paar Jahrzehnten im Werkzeugschrank mal hart wurde, mit einem Spritzer Petroleum oder dünnem Öl wieder in Richtung "auskaramelisierter Honig" verdünnen.
 
Ursprünglich wurde dieses Zeug vor allem zum Einschleifen von Armaturen in Dampf- oder Warmwasseranlagen gebraucht. Hier kümmerten sich Maschinenschlosser liebevoll um undichte Ventile oder Schieber, so dass es diese Masse in wenigstens 5 verschiedenen Körnungen gab.
 
Heute sind die z.B. die Körnung 00 (sehr fein) nur noch schwer aufzutreiben; meist bietet der Fachhandelsonkel nur "grob" und "fein". Für unsere Zwecke ist das jedoch ausreichend.
 
Unschwer zu erraten, dass man die grobe Vorarbeit mit "grob" macht, während die feine Masse für den letzten Schliff und primär zum Erzielen einer guten Oberfläche zum Einsatz kommt.

5Ventil einschleifen

Zum Einschleifen streicht man entweder die Dichtfläche des Ventils oder den Ventilsitz dünn mit Schleifpaste ein. Jetzt steckt man das auserkorene, neue Ventil in den Sitz. Vielleicht den Schaft ein wenig einölen, damit es besser flutscht.
 
Wenn man das Ventil jetzt hin- und herdreht, spürt man deutlich das Geknirsel der einzelnen Schleifkörner. Alle paar Umdrehungen das Ventil abheben und "in der Luft" ein bisschen weiterdrehen, damit man nicht immer auf derselben Stelle schleift.
 
Wenn nichts mehr knirselt, das Ventil abheben und die Schleifpaste wieder in den Schleifspalt drücken.

6Ventil wieder dicht?

Je nach gewählter Schleifpaste kann man jetzt eine LP oder eine Single auf den Plattenteller werfen und sich der Schleiferei hingeben. Wenn die Dichtflächen auf Sitz und Ventilteller so aussehen wie auf dem Bild, ist man fertig.
 
Die tragende Fläche soll einheitlich matt und grau sein. Dabei nicht zu breit oder zu schmal. Wenn sie zu weit außen oder innen liegt, deutet dass auf einen Sitz hin, der nachgefräst werden muss. Diese Fläche hier liegt in der Mitte und ist genau richtig.
 
Will man auf Nummer sicher gehen, kann man die Dichtheit des Ventilsitzes auch noch mal überprüfen: Dazu dreht man den Kopf so, dass die Ansaug- oder Auspufföffnung des jeweiligen Ventils nach oben zeigt, steckt das Ventil in den Kopf, drückt es feste zu und kippt einen Schluck Benzin oder Petroleum in den Kopf.
 
Wenn man jetzt in den Brennraum linst (Ventil feste zudrücken!) und es um den Ventilsitz herum trocken bleibt, ist man mit diesem Sitz fertig. Sibbert viel Sprit durch, muss man da noch nacharbeiten.

7Zusammenbau

Wenn der Sitz fertig ist, muss alle Schleifpaste von Ventil und Ventilsitz runter. Klinische Sauberkeit verlangt insbesondere die Ventilführung: Um auch das letzte Atom dieser königen Masse zu entfernen, zieht man einen Streifen Stoff durch die Führung.
Die neue Ventilschaftdichtung erst JETZT montieren, weil sich sonst mögliche Korundbrösel in der Nut der Dichtung  verstecken. Die neue Dichtung einfach auf die Ventilschaftführung stecken: Plopp!
 
Bevor man das neue, eingeschliffene Ventil einbaut, noch einen Schuss Öl auf den Schaft geben und schön verteilen.
Um Ventilteller und die Feder einzubauen, drückt man die Feder zusammen und setzt die Ventilkeile ein. Darauf achten, dass die Keile nicht zu tief rutschen und unterhalb der Nuten stecken bleiben.
 
Ob man erst alle Ventile ausbaut, einschleift und wieder einsetzt oder sich jedem Ventil einzeln widmet, ist einerlei: Wichtig nur, dass die eingeschliffenen Ventile nicht untereinander vertauscht werden. Im Zweifel kennzeichnen.
Jetzt kann man den Zylinderkopf nach allen Regeln der Kunst wieder zusammenschrauben und den Motor komplettieren. Ventilspiel einstellen. Fertig.
 
Hat die Arbeit bis hierher Spaß gemacht? Ja, wirklich? Dann braucht man beim Komplettieren des Motors wieder nicht auf die Steuerzeiten oder die Zahnriemenspannung achten und kann schonmal zum Höker laufen und noch ein Dutzend Ventile holen.
Wenn nein: Rote Zettel am Zündschlüssel anbringen und die Steuerzeiten doppelt kontrollieren.