Die Spirale für den Mann

Schraube, Mutter, Wendel

Die Spirale für den Mann

# 91 | 05.02.2015 | JEM

Sind am kaputten Gewinde alle Hausmittelchen verabreicht und wirkungslos, so kann man in die Apotheke laufen und dort eine wundersame Arznei kaufen: den Drahtgewindeeinsatz, die Spirale für den Mann.

1Gewinde reparieren / verbessern

Wir hatten das in der vorigen Folge: harte Schraube trifft auf weiches Mutterngewinde. Das kann ein Seitendeckel-Gewinde im Motorradblock sein oder das Lagerschild einer Kühlmittelpumpe.
In jedem Fall tragen auch im Leichtmetall nur die ersten drei Gewindegänge mehr als 90% aller Last. Nochmal zum Hängenbleiben: drei Gewindegänge halten fast alle Last einer Schraube.
 
Zieht man jetzt an eben jener harten Schraube, werden Stück für Stück alle Gewindegänge auf Scherung beansprucht und geben im Zweifelsfall nach. Hat man auf diese Weise nicht nur den Anfang des Gewindes versaut, sondern alle Gewindegänge fachgerecht rausgerissen, hilft an klassischen Mitteln nur das Größerschneiden.
Oft ist aber kein Fleisch mehr da, in das man statt M8 nun ein M10 drehen könnte.
 
Hier kommt die Wunderarznei Helicoil zum Einsatz. Und das Prinzip der Wunder-Wendel ist frappierend einfach: ein vierkantiger Draht wird in die Bohrung gedreht und tut dann so, als ob er das Außengewinde ist. Basta. Diese Gewinderettung in Wendelform existiert für fast jeden Gewindedurchmesser und in unterschiedlichen Längen.
Darüber hinaus eignen sich die Draht-Würmer nicht nur zur Reparatur, sondern auch zur Vorbeugung und Prävention. Der Draht der Wunderwendel ist nämlich aus knallhartem Federstahl und bietet damit aalglatte Gewindeflanken, die ein gleichmäßiges Anziehen mit Drehmoment ermöglichen.
 
Zu guter Letzt verteilt die Wendel die Zugkräfte besser: bei Gewinden mit Wunderwendel hängen 90% der Kraft damit immerhin auf fünf Gewindegängen statt auf dreien.
Will man also bei einem teuren und besonders geliebten Leichtmetallteil auf Nummer sicher gehen, lohnt es sich, die Gewinde mit Helicoil zu panzern. Oder, wie in der nächsten Folge beschrieben, mit Gewindebüchsen zu bestücken.

2Bohrung vorbereiten

Der Zylinderkopf des Schlacht-Chryslers bleibt uns auch für die Wendel-Applikation erhalten. Das hier gezeigte Loch liegt nahe des Abgaskanals und ist deshalb ein typischer Kandidat für den Drahtgewindeeinsatz.
Im Gegensatz zum Größerschneiden oder der Gewindebüchse trägt die Spirale für den Mann nämlich nur wenig auf und ist deshalb die erste Wahl für frickelige Reparaturen in der Nähe von Öl- oder Kühlwasserkanälen.
 
Nichtsdestoweniger muss die Bohrung für die rettende Wendel präpariert werden: Schritt eins ist schlichtes Aufbohren. Unsere kaputte Bohrung war M8 und soll auch wieder M8 sein. Damit zusätzlich zur Schraube auch noch ein paar Gramm Helicoil in der Bohrung Platz haben, schreibt der Hersteller vor, das Loch mit exaktemang 9,62mm aufzubohren.
Und weil so ein Spiralbohrer selbstverständlich überall vorrätig ist, liegt ein zusätzliches Exemplar im von uns verwendeten Reparatursatz dabei.
 
Mit diesem Spiralbohrer drallert man das zermürbte Gewinde weg und schafft eine leckere, saubere Bohrung.
Die ursprüngliche Bohrtiefe reicht dabei in aller Regel aus, schließlich hält das gecoilte Gewinde mehr als der weiche Vorgänger ohne Verstärkung. Um dem Eindrehwerkzeug Führung zu geben und dem Auge gefällig zu sein, sollte man di

3Spezial-Gewinde schneiden

Dem krummen Maß beim Bohren folgt ein eigens geschnitzter Gewindebohrer. Dieser Bohrer sollte ebenfalls in der Drahtgewindeschatulle enthalten sein und formt den Sitz für die rettende Wendel.
Um das von keltischen Zwergen in Königsberger Hochöfen geformte Werkzeug in Anschlag zu bringen, braucht man neben einem Tropfen Schneidöl vor allem ein Windeisen.
 
Damit dreht man das Ding in die Bohrung. Um später ein lotrechtes Gewinde zu haben, sollte man die Winkligkeit zwischendurch immer wieder kontrollieren. Alle zwei Umdrehungen eine halbe Umdrehung zurück kurbeln, um den Span zu brechen.

4Gewinde-Länge

Wie lang die rettende Spirale ist, hängt (grob gesagt) von der Zugfestigkeit des mütterlichen Materials ab, vom vorhandenen Platz und der Belastung des Gewindes.
Weil ein verwendeltes Gewinde aber mehr aushält als ein schlichtes, ist die Bemessung des Gewindeeinsatzes einfach - mit einem Drahtwurm von der Länge des Originalgewindes kommt man immer aus.
Und ist das Gewinde ziemlich lang, tut es in aller Regel auch ein kürzeres: die Hauptlast wird von den ersten fünf Gängen getragen.
 
Den Helicoilschen Drahtwurm gibt es nicht nur in verschiedenen Längen, Durchmessern, Steigungen oder Materialien, lieferbar sind die Dinger trocken, gewachst, cadmiert oder versilbert.
Die hier gezeigten Exemplare sind trocken, in der farbigen Wirklichkeit grün und heißen "free running". Das unterscheidet sie von den rot gefärbten Exemplaren, die als "screwlock" verkauft werden. Das soll wohl weniger "Schraube locker" heißen, sondern lock von "arretieren". Nunja.
 
In jedem Fall sind diese roten Screwlock-Einsätze ab Werk gezielt demoliert, so dass die Schraube automatisch darin festklemmt.
Die grünen sind einfach gradeaus und das, was überall rumfliegt. Hat man jetzt den richtigen Burschen aus der Schatulle geangelt, fehlt noch das passende Montagewerkzeug, um ihn in die Bohrung einzusetzen

5Gewindeeinsatz eindrehen

Dieses Eindrehwerkzeug ist ein Dorn mit Schraubenabmaßen und einer Nase am Ende des Gewindes. Hier hakt sich der Mitnehmerzapfen des Gewindeeinsatzes ein, damit der rettende Draht eingedreht werden kann. Von Hand auf das Eindrehwerkzeug gedreht, spannt und streckt sich der Draht ein wenig.
 
Jetzt mit etwas Gefühl den ersten Gang des Gewindes suchen und Wendel nebst Eindrehwerkzeug langsam und sinnig in der Bohrung versenken.
Damit die Spirale für den Mann sauber sitzt und nicht kneift, dreht man sie einen Gewindegang tiefer ein. Damit stellt man sicher, dass nix hinter den neuen Gewindeanfang hakt und kein Dussel das teure Präzisionsteil aus seiner Bohrung zieht.
 
Der übliche Spruch des hoch bezahlten Mitarbeiters ist dann nämlich (langsam aussprechen) "Häääääh? Was ist das denn für ne Spirale?", während sich der entsetzte Zuschauer mit der flachen Hand auf die Stirn patscht... Dieses Herausziehen ist das übliche Ende einer Helicoil-Reparatur und passiert auch, wenn man ein solcherart repariertes Gewinde überlastet.
Dann reißt das Außengewinde der Wendel aus und lockert Draht nebst Schraube. In so einem Fall hilft wiederum nur Größerschneiden oder ein Gewindebuchse.
 
Ist man beim Eindrehen jetzt aber am Grund der Bohrung oder in der richtigen Tiefe angekommen, schraubt man das Eindrehwerkzeug wieder linksrum aus der Bohrung heraus. Fast fertig!
Die hier gezeigten Wendeln heißen "Helicoil plus" und sind die Nachfahren der gleichnamigen Wendel ohne das "Plus". Diese pluslosen und einige Nachbaukollegen mussten und müssen mit einem speziellen Spann- und Eindrehwerkzeug appliziert werden, man ziehe die einefache Variante vor.
Im Prinzip sehen die Eindrehwerkzeuge und Schraublinge von Würth oder Recoil zwar etwas anders aus, funktionieren jedoch genau so.

6Mitnehmer abknacken

Bevor man anschließend mit Elan und russischer Urkraft alte Schrauben in das neue Gewinde dreht, muss noch der Mitnehmerzapfen der Wendel abgeknackt werden.
Der Hersteller sieht dazu einen simplen zylindrischen Stift vor, den man in die Bohrung steckt. Ein wohldosierter Hammerschlag, zack, fertig ist das Gewinde.
 
Ob ein einfacher Schraubenzieher dieselbe Funktion erfüllt, haben die wochenlangen Testreihen in den Autoschrauber.de - Laboren noch nicht abschließend klären können.
Ebenso offen und dem eigenen Geschmack überlassen ist der Verbleib des abgeknackerten Mitnehmerzapfens in der Sacklochbohrung. Beim Durchgangsloch fällt das Ding lautlos auf den kostbaren Perserteppich.
 
Wie das halbe Dutzend nur mit Lendenschurz bekleideter Autoschrauber.de-Adonisse den dabei entstandenen Fleck unter allerlei Verrenkungen wegputzt, zeigt die nächste Folge. Junge Damen, bitte dranbleiben.

7Teure Rettung

Warum sollte ein Wundermitttel billig sein?
Schließlich kann man damit wahrliche Zauberdinge tun. Außerdem ist die Konkurrenz eher überschaubar und der Nutzen mitunter so hoch, dass Böllhoff als Hersteller des Originals für die hier im Bild sichtbare Handtasche glatt 250 Euro aufrufen kann.
 
Seit geraumer Zeit tobt der Krieg um Nachbauten - eine Suche nach "Gewindeeinsatz" in der allwissenden Tiefe des Universums fördert alle Hersteller und Vertreiber zu Tage. Die sind nicht unbedingt schlechter, aber auch kaum billiger.
Sich einen vollständigen Satz aus einzelnen Sätzen zusammenzustellen, ist angesichts des hohen Preises möglich; allerdings wird das nächste kaputte Gewinde GARANTIERT exakt das noch nicht gekaufte Maß haben. Die Designer-Helicoil-Handtasche macht deshalb einfach glücklich.