De Gaulles Rache

Zahnriemen wechseln

De Gaulles Rache

# 77 | 24.12.2014 | JEM

Auch beim AX treibt der Zahnriemen die Nockenwelle an und muss regelmäßig getauscht werden. Dieser Wechsel ist eigentlich simpel, uneigentlich nervenaufreibend.

1Riemenwechsel im Banlieu

Der AX ist einfach, robust und im Gegensatz zu vielen seiner Brüder aus gleichem Hause ein erfreulich konventionelles Auto. Allerdings hat man insgesamt vier verschiedene Benziner-Varianten mit Hubräumen von 1,0 bis 1,4 Litern eingebaut. In Puncto Zahnriemenwechsel sind jedoch alle gleich - gleich schwierig.
Verströmt nämlich das restliche Auto den Charme einer mit Servietten ausgeschlagenen Keksdose, so ist der Motorraum ebenso geräumig und macht die Arbeit darin ab einem bestimmten Punkt zum Horror. Soweit die schlechten Nachrichten.
 
Ansonsten ist der Aufbau der Maschine so simpel, dass man kaum weiß, was man eigentlich noch weglassen kann, damit die Hütte weiter durch den Pariser Häuserkampf rollen kann. Und der Wechsel des Zahnriemens ist prinzipiell ebenso einfach. Dieser noppelige Gürtel treibt nämlich wie bei so vielen Konstruktionen die Nockenwelle an und wird mittels einer exzentrisch gelagerten Umlenkrolle gespannt.
Außer der in Fahrtrichtung hinter dem Motor liegenden Wasserpumpe treibt der Zahnriemen nix weiter an und ist wegen der erstaunlich kompakten Motorbauweise ziemlich kurz. Trotzdem verschleißt er und will deswegen natürlich lieber prophylaktisch gewechselt werden.
 
Gurkt man mit dem AX viel in der Stadt herum, sollte man alle 80.000 Kilometer einen neuen Riemen auf die Orgel werfen, bei andauernder Autobahnfahrt (aber wer hält das aus?) auch erst bei 100.000. Und wenn der zahnige Gurt älter als 10 Jahre ist, ist ein Tausch ebenfalls dringend angeraten.
 
Taucht man anlässlich des Wechsels sowieso man in die Untiefen französischen Konstrukteurswahnsinns ab, empfiehlt sich auch ein Blick auf die Kühlmittelpumpe. Vielmehr sollte man beobachten, ob der Quirl das Wasser noch halten kann oder schon langsam und unbeobachtet Kühlwasser auf dem Asphalt verteilt. Zieht man nämlich einen neuen Zahnriemen mit korrekter Spannung auf, kann das der maroden Dichtung im Lagerschild der Pumpe den Rest geben.
 
In so einem Fall ist man mit einem Tausch der Pumpe gut beraten, weil man ja eh schon alles auseinanderrupft. Und weil man darüber hinaus in nix außer seiner eigenen Haut mit Sicherheit drinsteckt, sollte man nicht nur den Zahnriemen, sondern auch die Spannrolle austauschen. Beides gibt?s beim Zubehöronkel im Satz und kostet und ein paar Rubel mehr als der nackte Riemen.

2Wagen aufbocken

Liegen alle Ersatzteile freudig lächelnd auf der Werkbank, bockt man den Wagen auf. Im Prinzip kann man die Reparatur auf der Straße machen, eine trockene und zugfreie Bude ist aber in jedem Fall vorzuziehen. Unterstellböcke oder eine Auffahrrampe erleichtern die Arbeit ungemein und eine Hebebühne, wie hier verwendet, ist die Krönung in Sachen Arbeitserleichterung. Es geht aber auch auf der Straße.
 
Den Wagen also sicher aufbocken, so dass man sowohl rückenschonend von oben in den Motorraum reinlangen kann, als auch schädelschonend von unten. Der Zahnriementrieb befindet sich in Fahrtrichtung rechts, so dass die Demontage des rechten Vorderrades nicht schadet. Das ist nicht zwingend erforderlich, erleichtert die Arbeit aber ein wenig.
 
Um den Motor auf OT zu stellen und Nockenwelle und Kurbelwelle zu synchronisieren, muss der Motor durchgedreht werden. Das kann man mit einem 22er Ringschlüssel an der Zentralmutter der Kurbelwellenriemenscheibe machen oder mit einem sachten Dreh am Vorderrad. Dazu den 4. Gang einlegen und ein Vorderrad mit einem Holzstück, einem überlagerten Camembert oder einem Stoß hartgewordener Baguette blockieren. Lässt sich der Motor immer noch nicht leicht bewegen, Zündkerzen herausdrehen.

3 Keilriemen demontieren

Vor der unteren Zahnriemenabdeckung lungert noch der Keilriemen herum, der auch von der Kurbelwellenriemenscheibe angetrieben wird. Um das Teil loszubekommen, erst den Spritzschutz im rechten Radhaus abbauen. Dieses Kunststoffteil ist mit einer Art Kunststoffschrauben auf das Blech des Vorbaus gepappt - geschraubt kann man nicht sagen, weil die Dinger sich eigentlich nicht herausschrauben lassen, obwohl das auf dem Foto so aussieht.
Am einfachsten zieht man diese Teile mit einer Zange heraus. Liegt der Keilriementrieb frei, den oberen Bolzen der Lichtmaschinenhalterung lösen, aber nicht herausdrehen.
 
Weil der Riemen an der Spannbrücke unten gespannt wird, muss hier natürlich auch entspannt werden. Dazu wie gezeigt die Einstellschraube lösen und das Bordkraftwerk nach hinten schieben. Lässt sich der Riemen immer noch nicht richtig und vollständig entspannen, auch die Verstellbrücke am Motorgehäuse ein wenig lösen.
Den Riemen abnehmen. Macht diese Strippe einen irgendwie dubiosen Eindruck und deucht rissig, ist ein sofortiger Austausch angeraten.

4Zahnriemenabdeckung

War der Keilriemen-Ausbau ein reines Kinderspiel, so kann man mit dem jetzt folgenden Ausbau der Zahnriemenabdeckung sein inneres Verdun erleben. Besonders die mittlere Abdeckung ist so knapp auf Kante konstruiert, dass man sich vorher einen kleinen Vorrat Beruhigungsmittel einwerfen sollte.
 
Zum Angewöhnen die obere Abdeckung demontieren - zwei Schrauben lösen und das Teil nach oben abnehmen. Vor der unteren Zahnriemenabdeckung liegt noch die Keilriemenscheibe auf der Kurbelwelle. Kurbelwelle festhalten und die drei Schrauben herausdrehen.

5Cognac für alle, bitte!

Die untere Abdeckung wird mit drei Schrauben gehalten; zwei teilt sie sich mit der mittleren Abdeckung. Zum Lösen empfiehlt sich eine kleine Stecknuss. Ein paar Flüche später sollte diese Abdeckung neben dem oberen Teil auf der Werkbank liegen. Hat man tief Luft geholt und seine Zen-Meditation abgeschlossen, kann man sich an die mittlere Abdeckung machen. Dieses Kunststoffteil ist (neben den beiden, die sie sich mit der unteren teilt) nur mit einer Schraube befestigt, aber aufs diabolischste zwischen Aufbau und Motor verkeilt. Unter Umständen hilft es, den Halter des Lichtmaschinen-Kabelbaums zu lösen.
 
Das Ding ist mit einem Torx-Innenvielzahn befestigt und schafft ein wenig mehr Luft zum Lösen des Plastikteils.
 
Am einfachsten lässt sich die Abdeckung nach unten herausziehen. Dazu ist allerdings die Halteklammer des LiMa-Kabelbaums im Weg; dieses Teil wegbiegen oder brutal zerstören. Bei der Montage lässt sich das mit einem Kabelbinder ersetzen.
 
Ist alles demontiert, hat man das übelste hinter sich und kann das mit einer Flasche "Hennessy private reserve" feiern.
 
Desweiteren könnte die Überschrift für dieses Kapitel auch "EU-Krise", "De Gaulles Rache" oder schlicht "gelebte Erbfeindschaft" heissen. Danke, Herr Franzen.

6OT markieren

Wenn der Zahnriementrieb blank und nackt vor einem liegt, kann man daran gehen, Kurbelwelle und Nockenwelle zu arretieren, damit während und nach dem Zahnriemenwechsel die Steuerzeiten noch stimmen.
 
Zum Festklemmen der Nockenwelle eignet sich eine schlichte Maschinenschraube M10, die man in eine Bohrung im Nockenwellenrad steckt. Um den Motor in die richtige Stellung zu bringen, wie schon erwähnt, am Rad drehen oder die Kurbelwellenriemenscheibe mit einem 22er Schlüssel durchdrehen. Passt die Schraube in die Nockenwellenriemenscheibe, sollte auch der Motor auf OT stehen. Weil der mit doppelter Drehzahl der Nockenwelle rotiert, ist es hier nicht ganz so leicht, die OT-Markierung sauber zu bestimmen. Und vor allem hat Citroen eine ausgesprochen sparsame Art verwendet, diese Stellung zu markieren. Die OT-Markierung muss nämlich wie schon einst bei der Ente mittels einer Lehre ertastet werden.
 
Das Ganze ist so vermaledeit verbaut, dass es sich nur mit einem Endoskop fotografieren ließe. Die OT-Stellung ist nämlich dann erreicht, wenn man einen Bohrer oder Stift mit einem Durchmesser von 6mm Durchmesser in eine Bohrung stecken kann, hinter der die Schwungscheibe des Motors rotiert. Trifft man in der Schwungscheibe die passende Bohrung, ist BINGO und entsprechend OT.
 
Diese verzauberte Geheim-Bohrung befindet sich an der Vorderseite des Motors, genau am Flansch zum Getriebe. Und zwar in Höhe des Typenschilds, unter der rechte Ecke des Krümmers. Der passende Bohrer oder Stift wird, wenn man vor dem Wagen steht, von links reingesteckt. Und das ganze ist, schlicht gesagt, mies ausgeschildert. Hier hilft nur Stochern, Suchen und vor allem Fluchen. Hat man die richtige Stellung gefunden und den Motor an Nockenwelle und Kurbelwelle arretiert, ist die Zeit für eine zweite Flasche Cognac gekommen. Santé!

7Zahnriemen spannen

Jetzt kann man sich an der Spannvorrichtung des Zahnriemens zu schaffen machen. Man hat bei Citroen wieder auf eine unkonventionelle Lösung gesetzt und die exzentrisch gelagert Rolle mit einer geräumten, vierkantigen Bohrung versehen. Zum Abschrauben der Rolle ist das einerlei - man löst die Mutter und schraubt das Ding ab. der Riemen fällt einem dabei in den Schoß und kann in den Mülleimer wandern.
Um den neuen Riemen anschließend zu spannen, ist ein Blick auf die vermaledeite Vierkant-Bohrung angeraten; aus einer passend großen Schraube lässt sich ein Hilfswerkzeug feilen, mit dem man die Rolle zum Spannen des Riemens verdrehen kann.
 
Ist also der neue Riemen von der Kurbelwellenriemenscheibe kommend aufgezogen, muss das Ding erstmal handwarm vorgespannt werden, um ihn überhaupt in Form zu bekommen. Jetzt beide Stifte/Schrauben aus Nockenwellenriemenscheibe und Kurbelwellenriemenscheibe herausziehen und den Motor vorsichtig in Laufrichtung durchdrehen. Sofort anhalten, wenn es irgendwo schwer geht oder sich metallisch anhört. Nach einer vollen Umdrehung der Nockenwelle kontrollieren, ob Nockenwelle und Kurbelwelle noch synchron laufen. Dann den Riemen spannen.
 
Das eigentliche Spannen dieses Riemens soll man laut Citroen mit einem kuriosen Spezialwerkzeug vornehmen, das ein definiertes Drehmoment von exakt 1,2 Newtonmeter auf die Umlenkrolle bringt. Das ist nicht viel und dieses Werkzeug besteht aus einem Hebel mit Gewicht, der in den wenigen Millimeter zwischen Rolle und Karosse Platz finden soll.
 
Findige Leute haben versucht, diesen Hebel zu emulieren und der Fantasie sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt. Der Einfachheit halber kann man sich aber die Kraft von 1,2Nm mit einer Gauloise zwischen den Zähnen auch mit einem Kilogewicht und einem Hebel von zehn Zentimeter vorstellen. Allerdings hat der Hebel selbst ja auch wieder ein Gewicht.... Wer eine alte Federwaage zur Hand hat, kann auch die verwenden. Allerdings ist dabei ein Winkel von 90° am Hilfswerkzeug einzuhalten und berechnen muss man die Hebellänge auch.

8Zusammenbau

Wie auch immer man das Ding spannt: es geht auch frei nach Schnauze und mit viel Gefühl für Kaffee - schließlich lässt die Riemenspannung mit der Zeit nach und der Riemen umstreicht Nockenwelle und Kurbelwelle fast vollständig. Die Gefahr des Überspringens bei zu geringer Spannung ist damit relativ gering.
Auch wenn der penible Schrauber jetzt jault: halbwegs richtig gespannt ist der Zahnriemen, wenn er sich am Lasttrum (das heißt auf der freien Länge in Fahrtrichtung) zwischen Daumen und Zeigefinger mit ein wenig Kraft um 90° verdrehen lässt. Genauer gesagt: gut verdrehen lässt.
 
Nach Festziehen der Mutter am Exzenterspanner noch einmal den Motor durchdrehen und die Steuerzeiten kontrollieren. Stimmt alles, die Strippen und Kabel vom Riementrieb fernhalten und den Motor starten.
 
Zischt oder Pfeift der Zahnriemen, ist er zu stark gespannt. Läuft le moteur rund und der Zahnriemen geräuschlos und ohne Flattern, stimmt die Spannung. Jetzt allen Kram in rückwärtiger Reihenfolge montieren. Nach allem Zusammenbau noch einmal den Motor anwerfen und horchen: schleifts? pfeifts? Wenn nein, ist jetzt die Stunde für die dritte Flasche Cognac gekommen - auf eine Probefahrt sollte man wegen des fortgeschrittenenen Alkoholpegels möglicherweise verzichten.

 
Bild des Benutzers doggyfreestart
Dabei seit: 28.09.2015

Erstens super vielen Dank für die unterhaltsame Beschreibung. 
Habe selber am Vorgang ein bisschen dran optimiert, und statt zwischen Seitenwand und Steuerriemenvergleidung herumzustochern den rechten Motorträger abgeschraubt (vorher einen Wagenheber unter dem Motor gestellt).
Damit ging dann die Ab- und Aufbau der ZR-Verkleidung ziemlich einfach.