Richtig gespannt!

Radlager einstellen

Richtig gespannt!

# 65 | 27.11.2014 | JEM

Die Radlager beim MB100 sind eingepresst; ihre Vorspannung wird mit einer Stauchhülse eingestellt. Für den Wechsel braucht neben etwas Zeit vor allem eine Messuhr mit Magnetstativ.

1Neue Lagerschalen

Auch monatelange Recherchen in den vatikanischen Archiven konnten nicht eindeutig klären, ob die Radlager über alle Baujahre dieselben Abmaße haben.
Möglicherweise unterscheiden sich inneres und äußeres Lager geringfügig - ein hervorragender Grund, die Schieblehre aus dem Holster zu ziehen und das alte Lager exakt nachzumessen, bevor das neue seinen Platz einnimmt. Eine einmal montierte Lagerschale ist nämlich nur schwer bis gar nicht mehr zerstörungsfrei zu demontieren.
 
Sind die Würfel gefallen, treibt man die neuen Lagerschalen vorsichtig mit einem Schonhammer in ihren Sitz. Das Korrosionsschutzöl auf den Lagern nicht abwischen.
Hat man kein Fleisch mehr zum Klöpfeln, kann man die alte Schale wunderbar als Unterlage nehmen, um die neue Schale in ihre letzte Position zu schlagen.

2Neue Dichtringe

Die neuen Dichtringe werden sinngemäß eingebaut: mit viel Gefühl für Kaffee und gleichmäßigen Schlägen am Umfang. Selbst von mäßiger Gewalt sollte man Abstand nehmen. Nur sachtes Klöpfeln auf der Blechverstärkung des Radialwellendichtrings, keinesfalls mehr.
 
Der äußere Dichtring ist allerdings so stramm gepasst, dass man ein wenig mehr Druck braucht. Dazu den Ring auf die Dichtfläche legen und obendrauf ein planes Stück Blech. Hier im Bild ein Scheibenfräser, der grade herumlag.
Mit zarten Schlägen auf dieses Blech (oder Holzplatte oder...) dirigiert man den Dichtring auf seinen Platz.
 
Wenn das Ding am Grund angekommen ist, kann man den Achsschenkel erst mal beiseite legen, der ist jetzt nämlich fast einbaufertig.

3Bremsscheibe / Radnabe trennen

Auf der Radnabe sitzt nicht nur das Lager, dass getauscht werden soll, sondern auch die Bremsscheibe.
 
Dieser Scheibe, die im Lauf der Arbeiten ziemlich stört, entledigt man sich mit einigen Schlägen mit dem Schonhammer.
 
Dazu auf den mit einem Schonhammer auf den Achsstumpf schlagen - die Massenträgheit der Bremsscheibe sorgt dafür, dass sie sachte, aber sicher runterrutscht.

4Radlager zerstören

Das innere Radlager ist auf den Achsstumpf der Radnabe aufgeschrumpft. Das hält bombenfest, lässt sich aber nur schwer ohne Zerstörung runterkratzen. Einfach, schnell und sicher kann man das Lager aber zerstören. Soll ja schließlich eh getauscht werden.
 
Dazu spannt man die Nabe am Flansch in den Schraubstock und meißelt den Käfig kaputt. Die Brösel kann man wegwerfen oder den Kinder zum Spielen schenken. Den inneren Laufring des Lagers kratzt man mit der Flex ordentlich an.
 
Dem Gefüge des Laufringmaterials hat man damit eine astreine Sollbruchstelle zugefügt, die man jetzt mit einem scharfen Hammerschlag (Schutzbrille gegen Splitter aufsetzen!) nur noch belasten muss. Weg ist das alte Lager.

5Lager einschrumpfen

Lagersitz peinlich saubermachen.
Das neue Lager lässt sich mit Hilfe einer kleinen Portion Wärme elegant und kraftsparend montieren. Man benötigt eine beliebige Wärmequelle, die um die 150 bis 200 Grad hergibt.
In diesem Fall haben wir einen alten Campingkocher, der sonst Dosenravioli für hungrige Schrauber aufwärmt, zweckentfremdet. Wenn man eine offene Flamme verwendet, unbedingt ein Blech unterlegen, um die Wärme zu verteilen.
 
Hat man den Booster gezündet, rasch die Radnabe mit Stumpf nach oben hinlegen und eine Wasserpumpenzange in die Hand nehmen. Wenn das Lager gut spuckheiß ist (so wie bei Mutter am Bügelbrett) pickt man es mit der Zange auf und lässt es in seinen Sitz fallen. Pling.
 
Fertig ist die Montage.
Abkühlen lassen.
Das untere Bild zeigt die Nabe schon mit montierter Bremsscheibe - kommt eigentlich erst ein Kapitel weiter.

6Achsschenkel wieder zusammenstecken

Wenn man jetzt die Bremsscheibe wieder auf die Nabe geklopft hat, kann man den Achsschenkel aus der Schublade holen und beides zusammenstecken.
 
Dazu die Radnabe in den Achsschenkel stecken und das zweite Kegelrollenlager vorsichtig von hinten auf den Achsstumpf schlagen. Die Distanzhülse nicht vergessen! Beide Lager mit einigen Klacksen Fett versehen.
 
Das Lager nur so weit einschlagen, wie es mit leichten Hammerschlägen möglich ist. Eingestellt wird eh, wenn der Achsschenkel eingebaut ist.

7Achsschenkel montieren

Den ganzen Klumpatsch wieder von der Werkbank zum Auto tragen und einbauen. Dazu die Drehstabfederung vorspannen (falls sie das eh nicht noch ist), die Antriebswelle einfädeln und die Kugelgelenke in die Klemmungen bugsieren.
 
Die Mutter am unteren Querlenkergelenk mit 80Nm, am oberen mit 85Nm und am Spurstangengelenk mit 90Nm anziehen. Neue Splinte und Muttern verwenden.

8Drehmoment abfangen

Wenn der Achsschenkel wieder an seinem Plätzchen sitzt, die Achswellenmutter aufdrehen. Damit man beim Festziehen dieser Mutter das Drehmoment abfangen kann, muss man die Radnabe festhalten.
Dazu baut man sich der Einfachheit halber ein Hilfswerkzeug aus einem Stück Flachstahl mit zwei Bohrungen in Radbolzen-Abstand.
 
Damit die Bremsscheibe aber absolut Plan an der Radnabe liegt, muss man mindestens drei Radmuttern aufdrehen und handwarm anziehen. Unterlegscheiben verwenden, falls die Muttern nicht ganz auf dem Grund aufliegen.
 
Auf dem unteren Bild und denen im folgenden Absatz sind die Radmuttern teilweise nicht angezogen und die Scheibe liegt nicht auf. Das ist verkehrt! Die (mindestens drei) Muttern müssen handwarm angezogen sein. War der Kälte beim Fotoshooting geschuldet....

9Radlager einstellen

Beim Einstellen der Lager wird die (hoffentlich nicht noch auf der Werkbank liegende) Stahlblechhülse zwischen den Innenringen der beiden Kegelrollenlager zusammengestaucht.
Wenn das seitliche Spiel der Bremsscheibe zwischen einem und drei Hundertsteln liegt, stimmt die Vorspannung.
 
Um dieses Spiel festzustellen, kommt man um die Verwendung einer Messuhr nicht herum. Fingerspitzengefühl hilft leider nicht weiter.
 
Die Uhr auf ein Magnetstativ klemmen und dieses Stativ irgendwo am Achsschenkel festkleben. Nirgendwo anders - schließlich soll das Spiel zwischen Achsschenkel und Radnabe/Bremsscheibe gemessen werden.
 
Etwas Vorspannung auf die Uhr geben und die Mutter nach und nach anziehen. Zwischendurch immer wieder das seitliche Spiel der Bremsscheibe kontrollieren. Wenn es zwischen einem und drei Hundertsteln liegt, hat der Schrauber fertig.
Muter gegen unbeabsichtigtes Lösen verstemmen, Bremse montieren (Fettfinger mit Bremsenreiniger runterschruppen!), Rad drauf und Probefahrt machen.

 
Bild des Benutzers Daktari
Dabei seit: 12.10.2014

Hallo Jens,
herzlichen Dank für die Reaktivierung der beiden Radlager-Anleitungen für den Kutter.
Grüße aus dem www.MB100.de -Forum

Oh, gern geschehen! JEM