Trommel in Essig und Öl

Trommelbremse reparieren

Trommel in Essig und Öl

# 43 | 09.10.2014 | JEM

Die Beläge der VW-Trommelbremse halten meist länger als der Radbremszylinder. Wenn der nämlich kaputtgeht, verölt die ganze Bremse: ein Fall für die Totalsanierung.

1Trommelbremse

Die Wolfsburger Trommelbremse ist ein Stück klassischer Maschinenbau. Sauber konstruiert und selbstnachstellend, müsste man sich um das Teil nur dann kümmern, wenn die Beläge runtergefahren sind. Meist muss man das Ding aber aufmachen, weil der Radbremszylinder das Wasser nicht mehr halten kann.
 
Das Bremsöl verteilt sich dann Droppje vor Droppje in der Bremstrommel und macht die Beläge unbrauchbar. Die Bremswirkung ist dann ungefähr so, als ob man bei Tempo 120 ein Papiertaschentuch aus dem Seitenfenster hält.
Man erkennt einen kaputten Radbremszylinder von hinten: die Bremsankerplatte (das ist die Platte, an die der Zylinder geschraubt ist) ist unten deutlich feucht/dunkel. Außerdem zieht die Handbremse nicht mehr oder nur einseitig. Alle Bremsenarbeiten sollte man unbedingt auf beiden Seiten durchführen - die Bremswirkung ist sonst nur selten gleichmäßig.
 
Zum Überholen der Bremse braucht man also ein paar Bremsbeläge hinten und, um den Verdruss auf der anderen Seite nicht nächstes Jahr wieder zu haben, zwei Radbremszylinder. Gebrauchtteile lohnen beim besten Willen nicht und im Zubehörhandel kosten die Teile zusammen kaum 100 Euro. Wenn man gerade beim Dealer ist, auch an ein paar neue Splinte für die Radlagersicherung denken.

2Wagen hoch, Kappe ab

Gang einlegen, Radmuttern lösen und den Wagen aufbocken. Wagen gut unterklotzen.
Rad abschrauben und die Kappe des Radlagers mit einer Wasserpumpenzange abhebeln.

3Bremstrommel abnehmen

Die Radlagerung besteht aus zwei gegeneinander verspannten Kegelrollenlagern. Das äußere muss man abbauen, um die Trommel runterziehen zu können. Dazu den Splint rausoperieren und das Sicherungsblech des Splints abnehmen.
 
Jetzt die Spannmutter abschrauben und mit der darunterliegenden Scheibe sicher weglegen.
 
Das äußere Kegelrollenlager kommt einem jetzt entgegen: vorsichtig weglegen.
 
Wenn die Beläge sich noch nicht tief in die Trommel eingearbeitet haben, kann man die Bremstrommel jetzt einfach nach vorne abziehen. Ist der Tacho aber schon mehrfach über "LOS" gekommen, können sich die Beläge einen Bund in die Trommel gedreht haben, über den sie jetzt nicht mehr rüberkommen.
 
Um die Beläge wieder ein wenig ins Zentrum zu rücken, muss man den Stellkeil der automatischen Nachstellung nach oben schieben. Auf einem späteren Bild ist der Keil gut zu sehen. Mit einer Taschenlampe und einem langen Schraubenzieher kann man das Ding durch eines der vier Radbolzenlöcher anpeilen und nach oben schieben. Jetzt sollte die Trommel runtergehen.

4Bremsbacken ausbauen

Die ganze ölige Schweinerei liegt nun offen. Um die Bremsbeläge samt Federn zu demontieren, müssen zuerst die beiden Haltefedern, die die Beläge an der Bremsankerplatte fixieren, raus.
 
Diese Dinger bekommt man am besten ab, indem man von hinten (von der Bremsankerplatte her) einen Daumen auf den Stift hält und die Federplatte mit einer Kombizange runterdrückt. Jetzt mit dem Daumen den Stift verdrehen und nach hinten rausziehen. Das Bild zeigt die kleinen Nervensägen noch mal in voller Größe.
 
Jetzt kann man beide Bremsbacken komplett demontieren. Dazu mit einer Wasserpumpenzange zuerst die Bremsbacken oben abziehen, dann unten aus der Halterung nehmen. Das Handbremsseil aus der Hebel herausfädeln.

5Radbremszylinder ausbauen

Bremsleitung vom Zylinder abschrauben. Das geht am elegantesten und sichersten mit einem Bremsleitungsschlüssel. Wenn man den nicht hat, mit einem guten Maulschlüssel.
Sitzt das Ding bombenfest und hat man den Sechskant schon vergurkt, kann man einen letzten Versuch mit einer guten, scharfen Wasserpumpenzange machen. Bremsleitung mit einem Stopfen verschließen - sonst läuft einem das komplette Bremsöl aufs Parkett.
 
Der Radbremszylinder ist mit zwei Inbusschrauben festgeschraubt und mitunter in der Ankerplatte eingegammelt. Leichte Schläge mit einem Gummihammer haben meist volle Überzeugungskraft.

6Porentiefe Sauberkeit

Die Ankerplatte und die Bremstrommel saubermachen. Peinlich saubermachen. Das ganze Zeug muss nachher staubtrocken sein.
 
Schon marginale Ölreste können die Bremswirkung der neuen Beläge auf Null bringen. Am besten eignen sich für diese Rosskur "Bremsenreiniger", Azeton oder Nitroverdünnung.

7Diagnose: Zylinder-Tod

Hat man den alten Zylinder raus, kann man sich den noch mal besehen: dieser hier war anscheinend noch ziemlich neu, hat aber nie einen Bremsflüssigkeitswechsel abbekommen.
 
Zu guter Letzt hat das eingedrungenes Wasser im Zylinder Rost angesetzt. Die Dichtung gab auf und entließ das Bremsöl in die Trommel.

8Radbremszylinder einbauen

Ist alles schön saubergeputzt, kann man den neuen Zylinder montieren.
Die kleinen Nasen an der Auflagefläche für die Bremsbacken sind vorne. So können die Backen nicht von der Stirnseite des Bremskolbens herunterrutschen.

9Bremsen-Puzzel

Das Zerlegen und Zusammensetzen der Bremsbacken mit Rückstellfedern und Nachstelleinrichtung ist fast so enervierend wie der Himmel über Neuschwanstein beim 10.000-Teile Puzzelspiel von Ravensburg.
Wichtig ist wie bei Trommel und Ankerplatte, dass alle Teile peinlich sauber sind. Bevor man die neuen Beläge auspackt, unbedingt die Flossen waschen und die ölige Werkbank mit Papier auslegen.
 
Den Zusammenbau beginnt man am besten mit der oberen Druckstange, in die die beiden Federn wie auf dem Bild eingehängt werden. Zwischenrein muss allerdings noch der Nachstellkeil mit Feder. Der Nachstellkeil hat oben eine kleine Nase - die muss unbedingt nach hinten, sonst kann da nix nachstellen.
 
Wenn man das zusammen hat, kann man die Feder des Nachstellkeils einhängen. Das ganze fragile Gebilde trägt man jetzt zum Fahrzeug und fädelt das Handbremsseil ein. Dazu den Hebel ein wenig verdrehen und Acht geben, dass die Federn nicht rausrutschen. Wenn man diese Hürde genommen hat, hängt man die untere Feder ein und zieht die Backen über den unteren Lagerbock.
 
Schlussendlich die beiden Belag-Haltefedern mit einer Kombizange montieren. Bremsleitung anschließen.
 
Der schlaue Fuchs bockt das geliebte Fahrzeug hinten komplett auf, öffnet beide Trommeln und LÄSST EINE SEITE ZUSAMMEN - die dient dann als spiegelbildliche Vorlage des zerlegten Neuschwansteins auf der Werkbank.

10Radlager einstellen / Probefahrt

Trommel aufsetzen und das Lager mit Scheibe, Mutter, Sicherungsscheibe und Splint montieren. Wie man das Lager einstellt, zeigt unser Artikel Radlager einstellen haarklein.
Einen Klacks Fett auf das Lager geben und die Kappe raufdrücken. Bremse entlüften. Wagen abbocken, Probefahrt machen.