Bergziege, frisch gedämpft

Gabeldichtringe austauschen #2

Bergziege, frisch gedämpft

# 21 | 18.08.2014 | JEM

Liegen die Standrohre der Honda unschuldig auf der Werkbank, beginnt die OP: Maske aufsetzen sowie Tupfer und Sprengringzange bereitlegen.

1Staubschutzmanschette und Sprengring

Ist das Öl raus, die Staubschutzmanschette vorsichtig mit einem Schraubenzieher abhebeln. Darunter befindet sich der Kaputtnik - Dichtring. Der ist aus alter Ingenieursgewohnheit mit einem Sprengring gesichert, der allerdings nicht wirklich nötig ist. Dr. Honda und sein Konstruktionsstadel haben den Dichtring nämlich reichlich stramm gepasst.
 
Federring raushebeln und acht geben, dass er nicht vor Freude in den nächsten dunklen Unrathaufen hüpft.

2Es geht auch mit Gewalt

Um das Standrohr zu zerlegen, ist Sauberkeit vonnöten und eine Werkbank mit Schraubstock. Notfalls auch nur ein Tisch. Oder ein vergletschertes Schneebrett. In jedem Fall sollte man auf peinliche Sauberkeit achten, weil schon kleine Mengen Dreck die Passgenauigkeit der Dämpferteile schnellstens ruinieren.
 
Die Inbusschraube lösen, die das Dämpferelement im Inneren an seinem Platz hält. Beim Einbau eine neue Dichtung verwenden. Ist der Inbus vergurkt, darauf achten, eine neue Schraube mit flachem Kopf zu verwenden - andernfalls passt die Achse nicht.
 
Zum Zerlegen der öligen Röhren muss wegen der strammen Passung des Dichtrings Gewalt angewendet werden, wie das angestrengte Gesicht unseres in Monaco eingeworbenen Fotomodells deutlich zeigt.
Damit dabei weder der Monegasse, noch Werkzeug oder Dämpferrohr beschädigt werden, spannt man das Standrohr am Besten in einen Schraubstock mit Alubacken. Ruckweise und rücksichtslos gezogen, floppt das Tauchrohr irgendwann ab.
 
Aufpassen, dass sich die wertvollen Innereien nicht auf dem Werkstattboden verteilen. Alle Teile mit einen fusselfreien Lappen fein abwischen und auf die Werkbank legen.

3Wellendichtring einpressen

Ist der alte Wellendichtring raus, den Sitz des Dichtrings peinlich sauberwischen. Zum Eintreiben des neuen Dichtringes benötigt man ein Hilfswerkzeug, das ausschließlich auf den äußeren Stützring des Dichtringes wirkt.
Der Versuch, den Dichtring nur mit Hammer und Schraubenzieher auf seinen Sitz zu befördern ist interessant, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt. Mit einem Schlag zuviel oder an die falsche Stelle jagt man wenigstens 10 Euro zum Teufel.
 
Das hier gezeigte Rohr hat den exakten Außendurchmesser des Dichtrings, genau 48 Millimeter. Die Schrift auf dem Wellendichtring zeigt nach oben.
Steckt man alle Teile des Dämpfers jetzt wieder in der richtigen Reihenfolge zusammen und schiebt den neuen Wellendichtring über das Standrohr, klöpfelt man mittels dieses Rohrs den neuen Ring sachte und gleichmäßig in seinen Sitz.
 
Geht das wegen der Sumo-Presspassung des Dr. Honda zu schwer, lässt sich gaaaanz vorsichtig nachhelfen, indem man etwas Druck mit dem Schraubstock ausübt.
Hierzu das Hilfswerkzeug gegen die eine, eine Schutzblechaufnahme gegen die andere Schraubstockbacke stemmen und den Schraubstock leise und vorsichtig zudrehen.

4Federlänge messen

Neue Staubschutzmanschette über das Rohr stülpen und die Federn einsetzen. Die Scheibe zwischen beiden Federn nicht vergessen.
 
Ob die Federung abgesehen von der Dämpferwirkung überhaupt noch was taugt, kann man sich anhand der Federlänge der ausgebauten Stoßdämpferfedern ansehen: lang auf der Werkbank liegend, sollte die kurze Feder im Neuzustand 138 Millimeter messen, die lange knapp 362 Millimeter.
 
Sind die Biester auf 135, respektive 354 Millimeter zusammengeklöppelt worden, schreibt der Hersteller einen Tausch vor.

5Öl einfüllen

Das ölige in die Röhren füllen. Nicht die untere Inbusschraube nebst neuer Kupferdichtung vergessen; ansonsten ist das Schluckvermögen des Dämpfers enorm. Hierzu das Standrohr vorsichtig in den alubackenbewehrten Schraubstock klemmen und exakt 260 Milliliter Gabelöl einfüllen.
Das kann man mit einem Messbecher tun oder, um die Sache wirklich genau uns spritzerfrei zu gestalten, mit einer Spritze. In so einer Pferdespritze bleibt kein kleinstes Tröpfchen am Rand hängen; außerdem geht nix daneben.
 
Das Gabelöl selbst ist ein extrem breitbandiges Zeug, dass auch im Winter noch dieselbe Viskosität hat wie im sommerlichen Agadir. Hat man aus lauter Not mal schnödes Motoröl in die Dämpfer getankt (was durchaus geht), so ist die Dämpferwirkung im Winter etwa mit der eines ausgeruhten Betonklotzes zu vergleichen.
Ist das Öl schließlich drin, die Verschlussschraube aufdrehen und festziehen. Jetzt kann man daran gehen, die andere Seite zu überholen. Um die ganze Hütte wieder zusammen zu stecken, geht man genau anders herum vor. Allerdings müssen die Fahrwerksteile mit Bedacht und im Hinblick auf genauen Geradeauslauf festgezogen werden. Muttern der Klemmfaust mit Schraubensicherungsmittel einsetzen oder austauschen.

6Standrohre einbauen, Probefahrt

Beim Zusammenbau also die untere und obere Gabelbrücke sowie die Schraubachse nebst Klemmfaust nur ganz lau anziehen und sich dann auf das Motorrad setzen. Jetzt raus auf den Hof und ganz langsam und höchstens mit Schritttempo herumrollern. Steht der Lenker grade? Rollert das Ding wirklich geradeaus?
 
Wenn nicht, das Vorderrad wie bei Omas Klapprad zwischen die Knie nehmen und den ganzen Vorbau mit dem Lenker richten. Läuft die Mühle jetzt sauber auf der Linie, die Schrauben an der Steckachse und Klemmfaust und dann der unteren Gabelbrücke anziehen. Damit sich die Gabel nicht verspannt, ein paar mal gegen einen Bordstein einfedern und dann die obere Gabelbrücke festziehen. Dabei bietet sich für den erfahrenen und achtsamer Fahrer noch die Option, die Schrauben der Gabelbrücken nicht gnadenlos und atombombensicher anzuknallen, sondern nur sacht handwarm anzuziehen.
 
Im Fall von Feindkontakt geht man mit der Maschine dann zwar zu Boden, verbiegt sich aber bei mäßiger Geschwindigkeit nicht mit absoluter Sicherheit die Standrohre. Sind die nämlich nicht brutal eingezwängt, kann sich der ganze Vorbau etwas verwinden und die Kraft aufnehmen. Im Optimalfall reicht dann ein Nach-Richten zwischen den Knien. In jedem Fall setzt das viel Fingerspitzengefühl und penible Kontrollen des Vorbaus voraus.
 
Ist alles wieder an seinem Platz, sind alle Schraubverbindungen dreimal kontrolliert, die Rumsmurmel auf und eine Probefahrt gemacht. Die Dämpferwirkung sollte sich phänomenal vom Vorzustand unterscheiden. Well done!