Bergziege, frisch gedämpft

Gabeldichtringe austauschen #1

Bergziege, frisch gedämpft

# 20 | 18.08.2014 | JEM

Die Gabelsimmerringe halten das Öl im Dämpfer und werden irgendwann mürbe. Ihr Austausch erfordert den Ausbau der Standrohre und eine Komplettzerlegung.

1Dämpfer malad?

Kreuzbrav, zuverlässig und sparsam kann man mit der CB sowohl im Tokioter Feierabendverkehr herumwieseln als auch im wilden Krudistan auf die Jagd nach zypriotischen Wallabees gehen.
Dass einen das kleine Krad aus dem Kabinett des Dr. Honda auch die Zehntausenden von Kilometern Autobahn bis dahin klaglos trägt, ist fast selbstverständlich.
 
Nicht-Verschleißteile gehen bei diesem Butter- und Brotbock dabei offenbar nicht kaputt. Aber nur offenbar, schließlich ist nicht alles unkaputtbar: wenn die schlicht und solide gestrickte Telegabel langsam und unscheinbar Öl ablässt, wird die Straßenlage unleidlich.
Ist schließlich ein erklecklich Quantum Gabelöl verloren, dämpft die Telegabel nicht mehr richtig. Das macht sich zuerst bemerkbar, wenn man die Bergziege mit viel Gepäck oder jungen, hübschen Damen auf dem Hintersitz vollpackt und dann richtig in die vordere Bremse langt.
 
Üblicherweise stoppt das Ding kommod und knochenschonend - bei fortschreitendem Ölmangel schlägt so eine Gabel dann durch. Mit einem unschönen "Pang!" schieben sich in Sekundenbruchteilen Tauch- und Standrohr ineinander und stülpen dem Fahrer die Schultergelenke neben die Ohrmuschel.
Ist man todesmutig und wartet, bis auch das letzte Ölatom die Telegabel verlassen hat, wird das Fahrverhalten vollständig chaotisch und eine Fahrt zum Bäcker zum Wagnis. Das hier verbaute Dämpfgerät ist nahezu prototypisch für viele einfache Telegabeln und taugt deshalb sinngemäß auch für andere Modelle und Hersteller.

2Warum kaputt?

Die Dichtringe (genauer: Wellendichtringe) sind genormt und nicht nur bei Old Honda und den Ersatzteilbagaluten des Vertrauens zu erstehen. Schiebt man die Staubschutzmanschette zur Seite, kann man die exakte Bezeichnung ablesen - der Fachhandel hat solche Ringe sowieso, die Schweinebucht mitunter auch.
 
Bevor man sich jedoch auf die Socken begibt, lohnt die Frage, warum die Dichtringe eigentlich kaputtgingen.
Gründe können die eben beendete Wüstendurchquerung, schlichtes Alter oder Rostpickel auf der hartverchromten Oberfläche des Standrohres sein.
Rostpickel sind dabei besonders hässlich: sie zerstören auch neu eingesetzte Dichtringe binnen kurzem - hier kommt man um ein neues oder gebrauchtes Standrohr nicht herum.

 
Glücklicherweise ist der Austausch aller Teile nicht weiter schwer und lässt sich auch am Straßenrand machen.

3Krad umfallsicher hinstellen

Hat man die neuen Dichtringe, eine Kanne Gabelöl und das passende Werkzeug auf der Werkbank, müssen zuerst die Standrohre selbst raus.
Das kann man am Bordstein oder in angenehmer Höhe einer Motorradhebebühne machen: dem Moped und dem Standrohr selbst ist es wurscht.
 
In jedem Fall sollte man darauf achten, dass die Mühle bei ausgebautem Vorderteil nicht umfällt und spielende Kinder unter sich begräbt. Nebenher ist so ein Umfaller (von der Bühne) der Optik der Maschine abträglich.

4An die Röhren, bitte!

Wie man beim Ausbau der Telegabel vorgeht, wenn der Bock ordentlich vertäut auf seine Demontage wartet, ist ziemlich wurscht: im Prinzip wollen wir nur ans Rohr.
Die Vorgehensweise bei Demontage und Überholung der Gabel ist auf beiden Seiten gleich - wir zeigen die Arbeit hier exemplarisch auf der rechten Seite.
 
Das Vorderrad wird von einer Schraubachse, die auf der rechten Seite in einer Klemmfaust steckt, gehalten. Muttern der Klemmfaust lösen und die Schraubachse etwas losdrehen.

5Bremse demontieren

Haltelaschen des Bremsschlauches mit einer Zange etwas aufbiegen. Schrauben des Bremssattels herausdrehen.
Sind die Beläge auf der Scheibe schon eingelaufen, lässt sich der Sattel nicht ohne weiteres abnehmen; hier die Beläge vorsichtig an der Belaghalteplatte mit einem Schraubenzieher zurückdrücken.
 
Den Bremssattel jetzt am Rahmen festbinden, damit das Standrohr freikommt und der Bremsschlauch nicht geknickt oder gezerrt wird. Tachowelle abschrauben und nach oben fädeln. Wegbinden.

6Rad und Dämpfer raus

Ist das Rad frei, die Achse ganz herausdrehen und das Rad nach vorne oder unten herausfädeln. Acht geben, dass der Antrieb der Tachowelle nicht in den nächsten Gully fällt.
 
Das Schutzblech abbauen. Hierzu die Inbusschrauben rausdrehen, die sich hinter den kleinen Plastnippeln verbergen. Weil beide Dämpfer zerlegt werden sollen, beide Schraubdeckel oben auf den Standrohren präventiv etwas lösen.
 
Beide Standrohre sind jetzt pur und unverdorben zu sehen. Sie werden nur noch von der oberen und unteren Gabelbrücke gehalten. Hier die Inbusschrauben lösen und das Standrohr nach unten herausziehen. Ziert sich das Objekt, leicht mit einem Schonhammer nachhaken.

71987er Unwohlsein, Südhang

Liegt der Dämpfer jetzt auf der Werkbank, Ölablassschüssel und die Nasenklemme bereitlegen: nach wenigen Umdrehungen des oberen Schraubdeckels sproingen die Federn heraus und das über Jahrzehnte eingeschlossene Gabelöl stimuliert akutes Unwohlsein.
 
Beide Stoßdämpferfedern samt der Zwischenscheibe herausnehmen und alle Lorke in eine Schüssel kippen.
 
Die Rohre ineinander schieben, um die letzten Ölreste in die Wanne zu pumpen. Frisches Gabelöl ist goldgelb - diese Plörre vermutlich noch die Erstbefüllung und schon bei Dunkelgrau angekommen.
Eigentlich sollte man das Zeug alle zwei Jahre wechseln...
 
Wie man das Gabelöl wechselt und den ganzen Kladderadatsch wieder zusammenkriegt, zeigt der zweite Teil dieses Artikels.